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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1906-01-01 · 9 (1906) · p. Seite 111

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
9 (1906)
Article
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Date
1906-01-01
Page
Seite 111 (sequence 5)
Language
German
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111 Die Abtrennung der Sprachen hat nicht geschadet. Wir sehen vielmehr, daß jene Faktoren der europäischen Zivilisation, welche mit der Wissenschaft und Literatur Zusammenhängen, zur Zeit des ausschließlichen Gebrauchs der lateinischen Sprache in tausend Jahren nicht so viel Fortschritte gezeitigt haben, als in wenigen Jahrzehnten nach der Einführung der nationalen Sprachen in die wissenschaftliche Literatur. Meine Herren! Ich mußte das Gesetz der Evolution etwas weitläufiger entwickeln, weil ich mich daraus berufen muß, wenn wir die Rolle des Judentums und seine Lage von dem großen Gesichtspunkte der Weltentwickelung betrachten. Um jedes Mißverständnis auszuschließen, bemerke ich ein für alle mal, daß ich unter Judentum Religion und Volk als ein untrennbares Ganzes verstehe. Denn das jüdische Volk ohne seine eigentümliche Religion ist ebenso ein Nonsens, wie die jüdische Religion, wenn sie von anderen Völkern angenommen wird. Der Jude ohne seine Religion, möge nun die Abtrennung einzeln oder in Massen erfolgt sein, vergeht, verschwindet, verliert sich, wie jene zehn Stämme Israels, die vor 2500 Jahren der Religion abtrünnig wurden. Andererseits konnte die jüdische Religion ohne das jüdische Volk nicht bestehen. Als Christus und seine Jünger vor 1900 Jahren die jüdische Religion vom Volke lösen, ihre Ethik allen Völkern zugänglich machen wollten, Paulus den alten Glauben unter den Griechen, Petrus unter den Römern verbreiten wollten, entwickelte sich unter dem Einflüsse der griechischen Philosophie und der römischen Weltpolitik eine neue Religion, welche von der alten wesentlich verschieden ist und nicht selten ihr feindlich gegenübersteht. Unter Judentum verstehe ich daher, getreu der Wahrheit, Glaube und Volk zusammen, und von diesem Judentume behaupte ich, daß in seiner Existenz, Erhaltung und Entwickelung das Gesetz der modernen Evolution prägnant zum Ausdrucke kommt. Tatsache ist, daß das Judentum dort, wo seine Wiege gestanden, sich abgetrennt, differenziert hat. Vom

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