Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 9 (1906)
- Article
- Raschi
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 88 (sequence 3)
- Language
- German
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88 sächlichen Inhalt in der Bewahrung und Interpretation der im Talmud niedergelegten alten Ueberlieferungen, die für die Gaonen Gegenstand des Studiums und der Lehrvorträge, sowie Quelle der bei ihnen eingeholten Belehrungen und Entscheidungen waren. Aber seit langem schon hatten sich innerhalb des Judentums, soweit es unter dem Einfluß der arabischen Weltmacht und ihrer Kultur stand, neue geistige Mächte geltend gemacht, die eine ausschließliche Beschäftigung mit der Traditronsliteratur nicht gestatteten: der geistigen Regsamkeit, der Denktätigkeit, dem literarischen Schaffen boten sich neue Ziele und Gegenstände dar, die sich keineswegs feindlich den alten Zielen und Gegenständen gegenüberstellten. Zeigte doch die muhamedanische Welt das Beispiel, wie sich zur eifrigen Beschäftigung mit den Urkunden und Traditionen des religiöser Glaubens das Studium der Wissenschaften, die Pflege der Poesie gesellte. Den Juden der christlichen Länder Europas bot sich kein solches Beispiel dar; und sie erfuhren nicht solche Kultureinflüsse, wie sie aus die Juden in den Ländern des Islams einwirkten. Darum verließen die geistigen Bestrebungen, die sich seit dem Ende des zehnten und dem Anfänge des elften Jahrhunderts in Deutschland unb Frankreich geltend machten, nicht die Grenzen der religiösen Ueberlieserungen. Bibel und Talmud blieben die Gegenstände des Lehrens und Lernens, und Raschi tat nichts anderes, als daß er innerhalb dieser Grenzen die Energie seines Geistes und die Fülle seiner Gaben betätigte und das Studium der Bibel und des Talmuds zu ungeahnter Blüte brachte. Darum waren Raschi und seine Schule dazu berufen, die durch das Erlöschen der schulen Babyloniens entstandene Lücke auszufüllen, unb Nordsrankreich trat in einem gewissen Sinne die Erbschaft von Sura unb Pumbeditha an. In Raschi und seinen Nachfolgern lebte die Geistesarbeit, welche in jenen gewissermassen autochthonen Heimstätten des jüdischen Wissens geleistet worden war, in entsprechenden Formen wieder aus. Neben dem Studium des Talmuds und der Erklärung der