Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 9 (1906)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 27 (sequence 6)
- Language
- German
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27 Vielleicht die israelitische Religion gewisse Bräuche, die man in Aegypten als weit verbreitete beobachtet hatte, gerade deswegen perhorresciert hat. „Die Ergebnisse der Ausgrabungen in Aegypten für unsere Erkenntnis der religiösen Entwickelung Israels sind fast gleich Null." Ganz anders liegt es mit dem zweiten klassischen Lande orientalischer Ausgrabungen, mit dem von Ninive und Babylon. Dort hat englischer, französischer und deutscher Forscherfleiß seit einem Jahrhundert unermeßliche Schätze zu Tage gefördert, die in viel engerer Beziehung zum Volke Israel stehen. Mit überzeugender Klarheit weist nun aber Sellin nach, daß gerade diejenigen Punkte, die in der letzten Zeit am meisten von sich reden gemacht, nicht den geringsten Einfluß auf die Religion Israels gehabt haben. Es gilt dies weder von der Urgeschichte noch von dem ferneren Verlauf der biblischen Geschichte; zu all dem bietet die babylonische Literatur keinerlei Parallelen und ebenso wenig zu den Gesetzen. Der Fund des Hammurabi-Blocks in Susa hat eine ungeheure Verwirrung hervorgerufen, aber erst jetzt fängt man an zu erkennen, was man sich schon längst hätte sagen müssen, „daß Moses das Recht, welches er dem Volke gab, nicht ex uillilo geschaffen, sondern sich anlehnte an die alten Volkssatzungen, die teils bei seinen Voksgenossen, teils bei den Midjanitern schon in Giltigkeit waren, ein uraltes semitisches Erbgut". Die Hauptsache ist aber, daß Moses diese Gesetze mit einem neuen Geist, dem Geist der Liebe und Reinheit, erfüllt und im Namen des ewig einzigen Gottes proklamiert hat. In den Liedern und Gebeten kann man nur künstliche Analogien finden. „Es kann kein Zweifel sein, daß die babylonischen Psalmen uns wieder nur lehren, daß Israels Religion das allgemeine semitische, sittliche und religiöse Empfinden zu einer einzigartigen Höhe emporgehoben hat, daß bei aller Verwandschaft der natürlichen Grundlage in Israel ein spezieller Faktor wirksam war, der das sittliche und religiöse Gebiet aus den Bänder des natürlichen erst vollständig befreit hat." Darüber hinaus aber hat man auch versucht, in das innerste