Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1906-01-01 · 9 (1906) · p. Seite 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
9 (1906)
Article
Rückblick auf das Jahr 5665
Date
1906-01-01
Page
Seite 16 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3111067-3111084-3113867--2269-3113905
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1(3 sein. Aber hier handelt es sich um die Würde des Judentums, das man zu einer minderwertigen Religion stempeln möchte, und um die Ehre der deutschen Judenheit, die man als eine schimpsliche Gemeülschaft hinstellen will, die man „ertragen" rnuß, weil es eben nicht anders möglich ist, der aber jeder anständige Mensch in weitem Bogen aus dem Wege geht. Und deshalb müssen alle Juden Deutschlands den Kampf weiter führen, bis der Einzelne, wenn er sonst dazil sich eignet, wieder Reserveoffizier oder Regierungsrat oder Oberlandesgerichtsrat oder ordentlicher Universitätsprosessor wird. Der Antisemitismus der höheren Stände wird schon aus den Universitäten gepflegt, wo fast alle Verbindungen und Korps, ungleich früheren Zeiten, die Juden von sich ausschließen. Dieselben Verbindungen erhoben aber ein lautes Geschrei gegen die Begünstigung des konfessionellen Geistes, als das Unterrichtsministerium in Preußen die katholischen Verbindungen gegen ihren Angriff in Schutz nahm. Der kindische Eifer dieser eigentümlichen Kämpfer gegen den Konfessionalismus fand deshalb in der Presse und von Seiten der Regierung eine reichlich verdiente Abfertigung. Mit Recht Haben sich die wackeren „Vereine jüdischer Studenten" gegen die ganze widerliche Hetze erklärt und dabei ihre eigene volle Daseinsberechtigung überzeugend dargelegt. In dem verbündeten Oesterreich wohnen wir demselben Schauspiel bei, das schon seit vielen Jahren abgespielt wird: möglichste Unparteilichkeit der Regierung bei sich gleichbleibendem Antisemitismus der nationaldeutschen und klerikalen christlichen Bevölkerung. Die letzten Reichstagwahlen in Wien, im Oktober 1905, haben wieder den glänzenden Sieg zweier echter Luegerianer ergebenein Abflauen der antisemitischen Stimmung, wie man es so oft und zuversichtlich verkündet hat, ist nicht wahrzunehmen. Der Wiener Gemeinderat hat für die städtischen Schlachthäuser ein Schächtverbot ausgesprochen, das aber der Stadthalter von Niederösterreich glücklicherweise wieder aufgehoben hat. Eine Beschwerde des Gemeinderats an das Ministerium des Innern wurde ab-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.