Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 9 (1906)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5665
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
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15 bedürfte es nur eines Wortes von maßgebender Stelle, um es wieder verschwinden zu lassen. Für jeden, der weiß, wie die Wahlen in den Offizierkorps zu stände kommen, wie solche von dem Regimentskommandeur unbedingt nach seinem Willen geleitet werden können, unterliegt das nicht dem mindesten Zweifel. Aber wenn der Kriegsminister, scheinbar mit Bedauern, sagt: „Der jüdische Kamerad ist unbeliebt, aber er muß ertragen werden", — so ist das eine klare Aufforderung zur fortgesetzten Boykottierung des eigentlich unerträglichen „jüdischen Kameraden". Als der Kaiser im Frühjahr in ^traßburg und Metz war und zu beit offiziellen Feierlichkeiten die Vertreter der christlichen Geistlichkeit aller Bekenntnisse eingeladen wurden, überging die Behörde die Oberrabbiner, und das in Landstrichen, wo unter französischer Herrschaft grundsätzlich der jüdische Kultus den christlichen Kulten gleichgestellt worden war. Ja, nicht einmal zur Einweihung der Denkhalle für die in der Schlacht von Gravelotte gefallenen Krieger wurde ein jüdischer Geistlicher herangezogen. So trägt man in Preußen die Dankesschuld an die vielen hunderte von Juden ab, die bei Gravelotte kämpften und von denen ein großer Teil gefallen ist. Es sind ja nur Juden gewesen, die haben in Preußen das Recht, Gut und Blut für den Staat hinzugeben, aber andere Rechte haben sie nicht. Daß diese Kränkung von anderer Stelle und nicht etwa von den lokalen Behörden ausging, wird durch die vorurteilslose Hochherzigkeit bewiesen, mit der der kaiserliche Statthalter von Elsaß-Lothringen, Fürst Hohenlohe, sowie der Bischof und das evangelische Konsistorium von Straßburg die dortige neue Israelitische Kunst- und Gewerbeschule durch reiche Spenden unterstützt haben. Und man sage nicht: Es ist ja ganz gleichgiltig, ob ein paar Juden Reserveoffiziere oder Regierungsräte oder Oberlandesgerichtsräte oder ordentliche Universitäts- Professoren Werdern Freilich, das Schicksal des Einzelner! als solchen kann der Gemeinsamkeit ganz gleichgiltig