Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 9 (1906)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5665
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
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14 möglich zurückzudrängen sucht. Dann hält ein sogenannter „gebildeter" Pöbel die Juden von einer Anzahl von Bädern und Sommerfrischen fern; das schreiendste Beispiel dieser antisemitischen Roheit wurde in Borkum gegeben, wo ein israelitischer Bilderhändler unter freundlicher Assistenz mehrerer Staatsbeamter mit Gewalt von der Insel vertrieben wurde, ohne daß die Behörde irgendwie eirrgegriffen hätte. Es ist sehr verwunderlich, daß unsere zahlreichen Abwehrorgane die Angelegenheit nicht bis zu dem leicht zu erreichenden Ergebnisse verfolgt haben, daß der rechtsverhöhnenden Willkür in Borkum ein für alle Male gesteuert werde. Weder der Abwehr-Verein, noch der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, noch der Verband der deutschen Juden haben diese Schmach zu tilgen ernstlich unternonnnen. Mit halben Maßregeln aber ist hier ebensowenig geholfen, wie mit gar keinen. Die Zurücksetzung der Juden im Heere kam in den Sitzungen des deutschen Reichstags vom 22. und 23. März 1905 durch den freisinnigen Abgeordneten Eickhoff zur Sprache. Der Kriegsminister von Einem lobte zwar den Diensteifer und die Tüchtigkeit der jetzt dienenden jüdischen Soldaten uneingeschränkt und erklärte, daß das jüdische Bekenntnis keinen Grund zur Ausschließung von der Beförderung ausmache. Allein er konnte die verwunderliche Tatsache nicht in Abrede stellen, daß seit ungefähr fünfundzwanzig Jahren kein einziger Jude mehr zur Beförderung zum Reserveoffizier tauglich sei, während früher dazu viele Juden geeignet waren, von denen sogar einige zum Hauptmann oder Rittmeister der Reserve aussriegen. (£x hat eben die Schuld auf die Reserve-Osfizierkorps geschoben, die nun einmal keinen Juden wählen wollten. Und hier möchten wir ein offenes Wort aussprechen; wir können es um so eher, als eine nationalliberale Zeitung, das „Leipziger Tageblatt", es schon lange vorher geäußert hat. Die verschärften Bestimmungen für die Qualifikation zum Offizier, die gegen Ende der siebziger Jahre ergingen, haben das Uebel erzeugt — und so