Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 9 (1906)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5665
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
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11 mittel zurückgewiesen. Dasselbe Problem macht sich überall geltend. Die Schweiz galt bisher, in gleichem Maße wie England und Amerika, als Zufluchtsort aller unrechtmäßig Verfolgten — jetzt werden in einem ihrer Kantone nach dem anderen den russischen Juden die Hausierpatente entzogen. In dem einzigen Kanton Zürich beraubte diese von dem Brotneid der Eingeborenen veranlaßte Maßregel 150 arme Familien ihres Erwerbes. Dem allen gegenüber scheint sich ganz unerwartet einem Teile der Juden eine neue Heimat in Spanien zu eröffnen, wo der Senator Dr. Angelo Pulido die Rückberufung der Sephardim nach der alten Heimat betreibt, die sie vor mehr als vier Jahrhunderten verjagt hat. Wenn wir üher diese wichtige Frage hier ein Wort sagen dürfen, so müssen wir unsere sephardischen Brüder dringend zur äußersten Vorsicht mahnen. Schon vor mehr als einem Dezennium hat der edle Vizepräsident der Madrider Akademie der Wissenschaften, der als Orientalist bekannte Jesuitenpater Fidel Vita, einer der sympathischsten Männer Spaniens, die Rückführimg der Marannen-mit unermüdlichem Eifer betrieben. Der nunmehr längst verstorbene Ministerpräsident Canovas bei Eastillo wünschte überhaupt die Einwanderung von Juden, sowohl von Kapitalisten, die den zerrütteten Finanzen Spaniens 31t Hilfe kämen, als auch von Ackerbauern, die die öden Hochflächen von Kastilien befruchteten. Aber die Führer der Judenheit in Frankreich und Deutschland haben damals diese Vorschläge zurückgewiesen, und mit Recht. Der Fanatismus und der Haß des spanischen Volkes gegen die Juden, die ihm von der Geistlichkeit seit einem halben Jahrtausend unermüdlich als die schlimmsten Feinde des Glaubens und des Vaterlandes dargestellt und als mit den verabscheuungswürdigsten Lastern und Verbrechen ausgestattet geschildert werden, ist so groß, daß den Juden dort das Leben unmöglich gemacht würde. Dürfen doch jetzt die wenigen Juden, die sich in Spanien niedergelassen haben, sich nicht als solche bekennen, weil sie sonst geradezu geächtet würden, und zwar nicht nur vom Pöbel, sondern auch von der