Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 247 (sequence 72)
- Language
- German
- Belongs to
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meinem Herzen und wie Schalmeien und Orgelklang tönts um mich her! Schalmeien und Orgelklang! Die Festklänge der alten Zeit und der neuen! Und Reseden duften, Jasmin und Flieder, und die Blüten des Tales von Hebron, die Rosen von Jericho und die Myrrhen und Aloen zu Saron! In mir ersteht die Schönheit von einst und die Seligkeit von heut . . . „Und siehe, ihr ward beschieden, daß der Stamm dem sie entsprossen blühe und gedeihe und sich ausbreite." Steht es wirklich in dem Briefe, den ich feuchten Blickes wieder und wieder lese, den ich küsse mit welkenden Lippen, aus denen das Lob Gottes in ewig jungen Hymnen erschallt? Ja, hier steht es: „Frau Naemi Ehrenfest, ein Urenkelsohn ist Dir geboren und er wird den Namen Michael Ferdinand führen ... Michael Ferdinand Reichenheim! Esther ist gesund und glücklich und der Neugeborene ein starkes, kräftiges Kind. Esther grüßt Dich, teure Großmutter. Wir haben es hin und her überlegt, welchen Namen wir ihm geben . . . Wilhelm, nach dem so früh geschiedenen Vater meiner Frau, oder den des Großvaters, in dem sich für sie Alles vereinigte, was an Liebe, Zärtlichkeit und Verstand einem jungen Geschöpf zuteil werden kann, ihren Geist befruchtend, ihr Herz veredelnd: Michael und Naemi! Das war die Welt, das ist die Heimat meines Weibes. Wilhelm, mein herrlicher Sohn, Du würdest Dich mit Freuden einverstanden erklären mit diesem Entschlüsse Deiner Kinder. Der Name Michael Ferdinand Ehrenfest ist ein Symbol! Ein Symbol der Treue im Glauben, der Entwicklung und des Fortschritts in der Erkenntnis, des Mannesmutes und der Pflichterfüllung im bürgerlichen Leben, der Selbstzucht und Stärke, der Milde und Duldung in der moralischen Welt — des feinen unendlichen Gedankens der Tradition, und der Tatsachen der modernen Zeit . . . das Symbol eines echten Juden! — Esther, mein Kind, Du bist die Mutter eines Sohnes, der diesen Namen trägt, erziehe ihn im Geiste des echten Judentums . . . und dann, verstehet es alle beide. Ihr habt es alle beide verstanden, du und dein Mann, daß ich meine stille Klause nicht mehr verließ, und zu euch eilte ... die körperliche Kraft hätte vielleicht dazu noch aus-