Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 248 (sequence 73)
- Language
- German
- Belongs to
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248 gereicht, aber es war wie Scheu in meiner Seele vor der Berührung mit der Außenwelt; von ferne will ich das Glück genießen, sublimiert bis in die letzten Gefühlsmöglichkeiten, so durchdringt es jede Faser unseres Lebens, so wie man Gottes Herrlichkeit genießt, allgegenwärtig und doch so fern! „Hier brechen die Auszeichnungen ab, meine Schwester," sprach Esther zu Ruth, die in ehrfürchtigem Schweigen der Vorlesung dieser merkwürdigen Papiere gefolgt war. Die junge Frau blickte empor. In ihren Augen war ein seltsamer Ausdruck von verträumter Trauer. „Wir werden ihres Gleichen nimmer schauen, Esther," flüsterte sie mit bebender Stimme, „was hätte sie uns noch sagen können, zu früh entsank die Feder ihrer Hand . . ." und jetzt bedeckte sie ihr Antlitz mit den Händen und brach in erschütterndes Weinen aus. Süll stand Esther vor ihr und blickte nachdenklich auf ihr gebeugtes Haupt. Mit keinem Worte suchte sie sie zu beruhigen. Dieser Schmerz mußte hinausfluten, den ihren begrub sie in starker Seele. Dann fuhr sie mit weicher Sand über das blonde Haar Ruths und sprach mit fester timme: „Treten wir das Erbe Naemi Ehrenfests an!"