Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 239 (sequence 64)
- Language
- German
- Belongs to
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239 gute Mutter konnte sich über das Unglück ihres Sohnes gar nicht beruhigen und rief nur immer aus: „Ein Glück, daß der Vater das nicht erlebt hat, ein Sinsheimer geht pleite . . . ein Sinsheimer!" Und der alte Elieser Freund war von dem Unglück so betroffen, daß er ganz stumpfsinnig wurde . . . Mein Mann, mein Bruder Josef und sein Schwager Carl Schiff boten Alles auf, um die Angelegenheit zu ordnen,' und mit Hilfe meines Bruders Mayer aus England gelang es ja, die Gläubiger zufrieden Zu stellen, aber Samuel, dieser vortreffliche Mensch, erholte sich nicht wieder nach diesem Schlage und blieb mit seiner Familie in Armut, der wir mit vereinten Kräften nur so weit steuern konnten, um die wirkliche Not von ihnen fern zu halten. Es gab aber leider so viele zu Grunde gegangene Existenzen, daß man im allgemeinen Elend gewissermaßen das Einzelschicksal nicht so grausam empfand. Die ganze Zeit lastete schwer auf uns, und eures Großvaters werktätige Energie fand reichliche Gelegenheit sich zu betätigen. Allenthalben das Gleiche. Tief erschüttert waren wir, als aus Berlin die Nachricht kam, daß auch Gustav Lehmann sein Geschäft nicht halten konnte. Seine Gattin Lea aber verlor den Mut nicht. Mit Hilfe meines Vaters gelang es ihnen, eine neue Existenz zu begründen und der unermüdlichen, aufopferungsvollen Arbeit dieser außergewöhnlichen Frau wurde es möglich, für die zahlreiche Familie eine frische Erwerbsquelle zu finden. Rasch entschlossen siedelten sie nach einer schlesischen'Provinzialstadt über, wo sie mit eures Großvaters Hilfe eine Buchdruckerei erwarben und eine Zeitung begründeten, deren liberale Richtung der Ausdruck der Stimmung war, die damals die weitesten Kreise beherrschte, wenn es vorerst auch nur heimlich brodelte und die Katastrophe sich langsam vorbereitete. Dadurch wuchs auch das Selbstver-. trauen ihres tiefgebeugten Mannes auf's Neue, und schon wenige Jahre später waren sie wieder in ihrer neuen Heimat der Mittelpunkt eines geistigen und sich jetzt auch bereits politisch regenden Kreises. Harte Arbeit und schwere Sorgen vermochten die Willensstärke Leas nicht zu erschüttern, und als die Stunde der Befreiung schlug, da stand sie in vorderster Reihe, die Männer aneifernd und befeuernd zu den politischen