Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 238 (sequence 63)
- Language
- German
- Belongs to
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238 Esther, deine schwesterliche Freundin. Sie weiß, so war ihr ums Herz, als sie den Gatten erharrte. Und nun bist du ibm vereint und hast in ihm den Getreuen gefunden, der deines Wesens Art begreift und liebt. Dich liebt mit dem großen Herzen eines edlen Mannes, dich liebt mit dem gereiften Geist eines frommen Gelehrten, dich liebt mit der weihevollen Zärtlichkeit eines reinen Gemütes! Du wirst glücklich sein, meine Tochter, denn du hast für deine dienende Demut den Rechten gefunden, wie Esther ihn gesunden für ihren königlichen Stolz! Ich aber will am stillen Herd mich eures Lebens fteuen, so lang Gott es mir beschieden! Hinaus will ich nicht mehr! Und nichts mehr erleben . . . nur schauen und denken . . . auch wieder zurück denken! Was unsere Ahnen einst erlitten, ereignete sich wieder. Nach den Zeiten friedlichen Aufschwungs, ruhiger Entwicklung kam die Reaktion, unheilbringend und wüste Leidenschaften weckend. Das konnte nicht anders sein, und was ich aus früheren Zeiten nacherzählte, erlebte ich jetzt. Achtundvierzig! Schon im Beginn der vierziger Jahre gährte es allenthalben. Bedrückungen jeglicher Art, Ungerechtigkeit und Willkür machten den Bürgern das Leben schwer und erweckten heimlichen Zorn in den sonst so patriotischen Gemütern. Vaterland und Regierung schienen einander feindliche Begriffe und man liebte das eine um so heißer, je mehr man die andere haßte. Ihr habt von jener Zeit des dumpfen Grolles und der darauf folgenden revolutionären Bewegung das historisch festgestellte gelernt, und ich berühre es nur so weit, als es im Zusammenhang mit unserem engeren Familienleben steht. Ein geschäftlicher Rückgang machte sich überall bemerkbar. Die solidesten und sichersten Häuser litten darunter, und im Kreise unserer nächsten Angehörigen hatten wir den Zusammenbruch des Geschäftes meines Bruders Samuel zu beklagen, der ebenso, wie der Schwager meines Bruders David, Elieser Freunds ältester Sohn, seine Zahlungen einstellen mußte. Das gab schreckliche Zeiten für uns Alle. Meine