Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 237 (sequence 62)
- Language
- German
- Belongs to
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237 gedieh und entwickelte sich ein freiheitsdurstender, freiheitssuchender Geist in der Judenheit! # * Wieder habe ich euch gesehen, meine geliebten Kinder! Wieder labte euer Anblick das Herz eurer Großmutter, und die Tage, die ihr bei mir verlebt, werfen ihren Strahlenglanz in meine Seele, sie erleuchtend, sie erwärmend! Nichts köstlicheres als fo die Vergangenheit mit der Gegenwart zu vermählen, und den Blick hoffend in die Zukunft zu richten . . . in eure Zukunft, weine Lieblinge. Eine Zukunft, die sich aufbaut auf einer Vergangenheit voll treibender Kräfte, auf einer Gegenwart voll blühender Schönheit . . . was werden meine Augen noch schauen? :i: % Du brachtest mir die Kunde von deiner Verlobung, Ruth, meine Ruth! Wie in einen Freudentaumel versetzte mich diese Botschaft. Dürfen alte Menschen jubeln? Sollen sie so leidenschaftlicher Freude sich hingehen? Ist das Gesäß nicht zu schwach, um dieser Freude Ueberfülle in sich aufzunehmen? Und ein Gelehrter ist es, ein Mann, der Gottes Wort verkündet, ein Prediger! Ihm neigte Ruth ihr demutsvolles Herz! Wie fasse ich es nur . . . und ich werde dich an den Traualtar geleiten! Wahrlich, Gott hat mein Alter gesegnet! Glücklich sein, heißt ftoh und gut sein für die Jugend, und fromm und gut sein für das Alter! Ach, und wie fromm bin ich, meine Kinder, wie ganz in Gott! Es hat lange Zeit gedauert, bis ich zu meinen Aufzeichnungen zurückkehrte. Die Feder rastete, die Erinnerungen verblichen vor dem Gegenwärtigen. Ich vermochte nichts anderes zu denken als an dich, meine Ruth, und nur was von dir kam aus deiner Brautzeit in meine Einsamkeit, hatte für mich Interesse und Bedeutung. Und eine begreift's.