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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1905-01-01 · 8 (1905) · p. Seite 236

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
8 (1905)
Article
Naemi Ehrenfest
Date
1905-01-01
Page
Seite 236 (sequence 61)
Language
German
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236 Eine sehr eigenartige Erscheinung trat damals in meinen Gesichtskreis. Ferdinand Lassalle. Mit leidenschaftlichem Eifer beteiligte sich der kaum Sechszehnjährige an den Debatten, und die Schärfe und Keckheit seiner Ausführungen verblüfften alle Welt. Er kam fast täglich in unser Haus. Mein Mann hatte den feurigen, aufgeweckten Jüngling gern und übersah nachsichtig seine oft kindisch wirkende Wichtigtuerei, die wohl aus seinem Temperament stammte. Als mein Bruder Josef ihn bei uns einführte, stellte er ihn mit den Worten vor: „Hier bringe ich Euch den jungen Lasall, den Sohn von Heymann Lasall, ein netter Junge, von dem Dr. Schiff viel hält, . . . entweder wird was besonderes aus ihm, oder er geht zu Grunde ..." „Ich werde was Besonderes ..." rief der junge Mensch mit komischem Pathos. Die früheste Kindheit meiner Söhne, Wilhelm, deines herrlichen Vaters, meine Esther, und Ludwig, deines herrlichen Vaters, meine Ruth, gewann in diesen merkwürdigen, für das Judentum bedeutungsvollen Zeitläuften eine ganz eigentümliche Prägung. Nur von bedeutsamen Dingen hörten sie, die nie von unserer Seite kamen, sprechen, und mit großen, neugierigen Augen betrachteten sie die erregten Männer und folgten ihren Reden, aus denen sie nur einzelne Worte ausschnappten. Und überall in dem großen Familienkreis reicher Kindersegen. Und Wohlstand und gesegnete Lebensarbeit überall. Aber auch viel Bitteres und Trauriges. Teure Menschen schieden ab. Mein guter Vater starb ein Jahr nach Ludwigs Geburt, 71 Jahre alt. Auch Onkel Wolf Schiff wurde kurz darauf zu seinen Vätern versammelt, ebenso die Schwiegermutter meines Bruders David, Frau Freund. Nur Herr Elieser Freund blieb von seinen Altersgenossen zurück, ein entschiedener Gegner der neuen Richtung, und mein Bruder David, sein Schwiegersohn, stand ganz zu ihm und mußte den großen Schmerz erleben, daß seine eigenen Kinder sich von ihm äbwandten. Das gab viel Herzeleid, besonders für meine Mutter, die nach des Vaters Tode im Hause meines Bruders Josef lebte. Aber in all' diesen inneren Erlebnissen und Kämpfen

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