Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 235 (sequence 60)
- Language
- German
- Belongs to
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235 Jahre stillsten, innigsten Glückes schließen sich an. So innig, so intim, so überselig, daß es Entweihung schiene, davon zu sprechen. Unsere Söhne wurden geboren. Wilhelm, dein herrlicher Vater, meine Esther, im Jahre 1838, und Ludwig, dein herrlicher Vater, meine Ruth, im Jahre 1840. Der ärztliche Beruf gewährte meinem Gatten reiche Befriedigung und gab ihm vielfache Gelegenheit zu gemeinnütziger Betätigung. Auch trat er seinen christlichen Kollegen näher. Es war um jene Zeit, wo man vergessen konnte, daß es Glaubensunterschiede gebe. Und wie im sicheren Besitz fühlten sich die Juden mit ihren geistigen Errungenschaften, mehr aber noch in ihrer Zugehörigkeit zum Vaterlande. Sie glaubten sich auf dem besten Wege, alle Rechte zu erringen, nachdem sie in recht patriotischer Gesinnung alle Pflichten freudig erfüllten. Zu dieser Zeit, im Jahre 1840 kam ein neuer Prediger nach Breslau, und der Kampf, den seine von der Staatsregierung bewirkte Berufung in der Gemeinde entfachte, führte meinen Mann in das öffentliche Leben. Mit Energie trat er für den neuen Seelsorger ein, dessen Geist und Wissen ihm ebenso imponierten, wie seine religiösen Theorien seine volle Zustimmung fanden. Diesen Theorien zu praktischer Durchführung zu verhelfen, trat mein Mann und meine Brüder Samuel und Josef mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln bei. Samuel, der Aeltere, war damals im Vorstand der jüdischen Gemeinde und stellte sich sofort auf die Seite des Mannes. Und Josef, mit seinem großen Anhang aus der Wolf Schiffschen Familie, erklärte es für eine besondere Ehre für die Breslauer Gemeinde, daß dieser Streit zuerst dort entbrannte und daß sie ihn äusfechten würde im Sinne des Judentums. In unserm eigenen Hause und in dem der befreundeten Familien wurde von nichts anderem gesprochen, als von der vitalsten Bedeutung dieser Fragen für das Judentum und unauslöschlich prägte es sich meinem Gedächtnis ein. Mein stets sehr reges Interesse für politische Angelegenheiten stammt aus jener Zeit. Auch die anderen Frauen beteiligten sich lebhaft an diesen Dingen, .und die früher hermetisch verschlossenen Jndenhäuser wurden der Schauplatz heftiger Debatten. Ein anregendes, bewegtes Leben brachte das mit sich.