Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 234 (sequence 59)
- Language
- German
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234 Freudenberg, die Tochter von Selig und Goldine Freudenberg, Michaels Pflegeeltern. Fünf Jahre älter als er, gewann sie entscheidenden Einfluß auf sein Leben, als er nach Berlin und in ihr Haus kam. Sie war an einen wohlhabenden Buchhändler Gustav Lehmann verheiratet, der ein naher Anverwandter des vr. Markus Herz, des Gatten von Henriette Herz, war. Dadurch war auch Lea in die Kreise, die sich um die geistvolle Jüdin sammelten, eingeführt worden und sie bestand mit Ehren unter den Männern und Frauen jener unvergänglichen Epoche deutscher Geistesblüte. Das in einem Mauthhaus aus der Chaussee geborene Judenmädchen, dem die später zu Wohlstand gelangten Eltern eine ausgezeichnete Erziehung angedeihen ließen, fand in der auserwählten Gesellschaft Berlins höchste Beachtung, und die Anregungen und geistigen Genüsse, welche ihr zuteil wurden, fielen auf fruchtbaren Boden. Als Michael im Jahre 1832 der Einladung Gustav und Lea Lehmanns folgend nach Berlin kam, um dort seine Studien zu beenden, fand er,/ wenn auch die Glanzzeit der Berliner Salons bereits vorüber war, doch noch die letzten Ausläufer jener glorreichen Zeit oft bei Lehmanns vereint, und stets war es ein Fest für ihn und uns, wenn er von jenen bedeutenden Männern sprach, die er dort kennen gelernt hatte. Es war, wie wenn vor dem Erlöschen noch einmal Alles seine letzte Kraft sammelte, um das Panier der geistigen Herrschaft hochzuhalten, das während einer 25jährigen Friedenszeit in Berlin entfaltet wurde, von jenen Heerscharen des schöngeistigen Lebens, zu denen die Juden ein starkes, stolzes Kontingent stellten. Er war den Besten und Edelsten jener Zeit, frommen, gelehrten und geistvollen Männern im Hause seiner Jugendfreundin oft begegnet, und unter der Wirkung dieser Eindrücke kehrte er zurück, um in Breslau sich als Arzt niederzulassen. Aber noch anderes, köstlicheres brachte er mit. Seine Liebe zu mir, an die er nicht vergessen in den Kreisen jener erlesenen Menschen, dem jungen, verträumten Mädchen, als das er mich zurückgelassen, hatte er die Treue bewahrt ... die Treue, die der Grundzug seines edlen Charakters war.