Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1905-01-01 · 8 (1905) · p. Seite 233

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
8 (1905)
Article
Naemi Ehrenfest
Date
1905-01-01
Page
Seite 233 (sequence 58)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3111067-3111082-3113597--2228-3113848
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

233 licher Gewissenhaftigkeit gewahrt. In nichts unterschied sich unsere Häuslichkeit von der der übrigen altreligiösen Familien. Der fanatischste Spürsinn hätte nichts auftreiben. können, was einer Vernachlässigung des streng beobachteten Rituels hätte gleichkommen können, aber sie beeinträchtigte nicht die Freiheit ihrer erwachsenen Kinder. Zum Dank dafür hat niemals jemand von uns ihr religiöses Gefühl verletzt und bis an ihr hohes, gottgefälliges Lebensende haben wir stets die religiösen Formen geachtet und bewahrt, die ihr heilig waren. So wuchs ein blühend Leben aus den altehrwürdigen Ruinen, einer Vergangenheit, die so starken und tiefen Inhalt hatte, daß sie der Zukunft reiche Aussaat gewesen war. Mir scheint gerade dies eine der bemerkenswertesten und wertvollsten Eigenschaften des Judentums. In ihnen wurzelt seine starke Kraft. Darum hat auch die Entfremdung, die schließlich doch zwischen den Familienangehörigen der verschiedenen Richtungen eintrat, sich niemals bis zum völligen Bruch gesteigert. Im letzten Grunde waren wir eines Stammes. Die sowohl, die die Tradition hochhielten, als wir, die aus der alten Ueberlieferung fiinausdrängten. Stillschweigend wurde das erkannt. Meines Vaters kluges und gelassenes Wesen, meines Gatten enthusiastische, überzeugende Art, und vor allem die Festigkeit und Güte seiner Natur trugen wesentlich dazu bei. Auch war seine Ueberlegenheit so groß, daß man sie empfand, ohne daß er sie irgendwie betont hätte. In allen seinen Lebensäußerungen trat das überragende einer in sich gefestigten Männlichkeit hervor und das unendliche Wohlwollen, das in jener optimistischen Weltbetrachtung beruht, die in der menschlichen Natur vorweg die Keime des Guten findet und durch Gütigkeit zur Entfaltung zu bringen strebt. Keiner, der mit ihm in Berührung kam, konnte diesen köstlichen Einwirkungen sich entziehen, und ich ... ich wurde . . . ich war Naemi Ehrenfest ... ich bin es geblieben! Niemals könnte ich dieses trefflichsten Menschen gedenken, ohne mich an seine Jugendgefährtin zu erinnern . . . Lea

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.