Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 232 (sequence 57)
- Language
- German
- Belongs to
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232 Und wenn ich das so stolz hier ausspreche, so ist es mit jenem Stolze, dem tiefste Demut innewohnt! Am 14. Mai 1837 war unser Hochzeitstag! Welche Fülle von Seligkeit weckt diese Erinnerung noch heute in mir! Ich schäme mich nicht, es zu sagen, daß mein Herz jung wird im alten Körper, gedenke ich der Fülle des Glückes, die an jenem Tage über mich hinströmte. Wie inbrünstig empfing ich den Ring aus seiner Hand, durchschauert von Heiligkeitsgefühlen, wie süß netzte der Wein meine Lippen, den ich mit ihm aus einem Becher trank, wie andächtig lauschte ich dem Segensspruch, der unsere Ehe segnete! Fest stand ich neben dem Mann meiner Wahl. Den Kops gesenkt, dem sein Haarschmuck unversehrt erhalten blieb, in dem auch eine unerhörte Neuerung, eine Myrthenkrone ruhte. Es war die erste Trauung in dem Sinne einer modernen Zeit, und als Juden dieser Zeit gingen wir unter dem Trauhimmel hervor — als gute, glaubenstreue Juden! Der liebe Vater, die gute Mutter! Welche Wandlungen in dieser kurzen Spanne Zeit! Es mochte ihnen nicht leicht geworden sein, sich dieser Veränderung anzupassen. Aber sie taten es mit bester Manier. Der Vater hatte im Verkehr mit den christlichen Bürgern, mit denen er vielfach in Geschäftsbeziehungen stand, sich unwillkürlich einen gewissen Weltton angeeignet. Er war zu intelligent, um nicht zu begreifen, daß die jüngere Generation nur die Wahl hatte, sich den Forderungen einer modernen Zeit anzupassen, um der so heißbegehrlen Gleichberechtigung teilhaftig zu werden, oder im Althergebrachten zu verharren und dadurch die so bitter empfundene Absonderung natürlich erscheinen zu lassen. Er war also unvermerkt zu einer toleranten Auffassung der Dinge gelangt. Die Mutter machte in ihrer stillen, schlichten Weise keine gewaltsame Opposition. Sie führte das Haus im streng religiösen Sinne. Die kleinsten Gebräuche wurden mit ängst-