Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 231 (sequence 56)
- Language
- German
- Belongs to
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231 seiner Studien gegangen war. Diese Trennung war der erste große Schmerz meines Lebens. Die Feder war meiner Hand entsunken, und wochenlange Krankheit fesselte mich ans Lager. Aber ihr, meine teuren Kinder, wäret neben mir, den siechen Leib pflegend, die müde Seele erquickend. Und so will ich heute, wo ich mich seit vielen Monaten wieder meinen Auszeichnungen zuwenden kann, das höchste Glück, die reinste Freude darin festhalten. Ich war Braut ... die Braut Di\ Michael Ehrenfests. Nicht bei den Kämpfen will ich verweilen, die diesem herrlichsten Ereignis vorausgingen. Nicht verbittern will ich mich mit jenen Erinnerungen an die trüben, schmerzensreichen Stunden, die ich durchlebte, als Vorurteile, Bedenken, Bosheit und Haß sich meinen heißesten Wünschen entgegenstellten. Wie reich und köstlich könnten die Menschen ihr Leben gestalten, wenn sie das Schöne darin festhielten in freudigem Gedenken und dem Häßlichen keinen Spielraum gewährten in ihren Erinnerungen! Ich sehe heute nur das strahlende Gestirn, das über mir aufgegangen, die Sonne des Glückes und lasse das Traurige wie flüchtige Schatten an mir vorüberhuschen. In Nachsicht und Milde gedenke ich derer, die sich unserm Bündnis widersetzten. Sie wußten nicht was sie taten, als sie Michael der Abtriinnigkeit verdächtigten, als sie ihm sein niedriges Herkommen zum Vorwurf machten. Niemals gab es einen treueren, besseren Juden als ihn, niemals einen von vornehmerer, edlerer Gesinnung. Daß viele das nicht zu erkennen vermochten, ist mehr um ihretwillen zu beklagen als um unsertwillen. Denn in uns stählte es die Willenskraft, reifte den Geist und zeigte uns ein hehres Ziel, ihnen aber in ihrer Kurzsichtigkeit und Verbohrtheit blieb es versagt, das Schöne zu schauen, das Hohe zu begreifen. So war unser Bündnis, so blieb unsere Ehe in allen Phasen. Den heiteren und den schmerzensreichen . . . ach, nur allzu schmerzensreichen! Mein Gatte hatte sie zu einem Tempel gemacht, zu einem Heiligtum echter Menschenwürde!