Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 230 (sequence 55)
- Language
- German
- Belongs to
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230 Zug sich bemerkbar. Ein brennender Ehrgeiz erfüllte die Gemüter und man konnte sich nimmermehr genug tun an allem, was eine erhöhte geistige Regsamkeit mit sich brachte. Für die jüngere Generation gipfelte alles in diesem einen Punkte, der so herrliche Fernsichten bot in das weite, sonnige Land der geistigen Freiheit, und die Aelteren ließen uns gewähren. Sie mochten wohl fühlen, daß es keinen Halt für den gibt, der jene Bahnen einmal betreten hat. Die Juden hatten sich ganz und gar jener Kulturelemente bemächtigt. Ihr kritischer, durch das Talmudstudium geschärfter Sinn, ihre scharfe Art zu denken und den Problemen der philosophischen Ideenwelt nachzuspüren, machten sie bald fähig, nicht nur Empfangende, sondern Gebende zu sein und sich zu Kulturträgern emporzuarbeiten, die maßgebend wurden für den guten Geschmack. Sie verstanden, die Poesie in leichter, anmutender Form sich anzueignen, sie brachten dem Wissen den nachdenklichen, schweren Ernst und die höchste Ehrfurcht entgegen. Aber diese gesellschaftliche Annäherung führte auch veränderte Anschauungen über religiöse Fragen mit sich und rüttelte mächtig an den Grundpfeilern des Glaubens. Es gab allerlei Konflikte, und viel Trübes erwuchs daraus für manche Familie . . . aber wenn ich es heute nachsinnend, betrachte, so muß ich wohl sagen, wer trägt die Schuld daran? Kann man dem rollenden Rad in die Speichen fallen? Läßt der Strom der Zeit sich eindämmen? Auch in unserm Kreise gab es schwere Stunden. Michael Ehrensests immer deutlicher sich äußernder Freisinn erregte Anstoß bei einigen Familienmitgliedern. Nicht Vater und Mutter waren es, trotz ihrer strengen Glaubenstreue, nicht meine Brüder Josef und Samuel, aber mein Bruder David und sein Schwiegervater Elieser Freund bekannten sich mit aller Entschiedenheit zum Alten, als mit dem Einzug des neuen Predigers ein frischer Wind die Segel blähte, die in früherer Indolenz schlapp geworden waren. Michael, Joses und Samuel waren die ersten, die sich dem hochgelehrten, geistvollen Manne anschlossen und treu zu ihm hielten in den Kämpfen, die er führte. „Kultur und Judentum!" Diese Worte schrieb euer Großvater damals an meinen Bruder Josef von Berlin aus, wohin er zur Beendigung