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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1905-01-01 · 8 (1905) · p. Seite 229

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
8 (1905)
Article
Naemi Ehrenfest
Date
1905-01-01
Page
Seite 229 (sequence 54)
Language
German
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229 dürstete, und ich glaube, daß an jenem Tage für mich im ahnungslosen Herzen die alte Welt in Trümmer ging und eine neue Zeit anbrach. Nach diesen bewegten Festtagen trat eine Zeit der Ruhe ein. Nicht des Stillstandes in der Fortentwicklung und dem Ausbau der Familie, aber in den äußerlichen Merkmalen dieser unermüdlichen und gesegneten Arbeit. Jeder betätigte sich zum Heile des Ganzen. Die Studierenden erschlossen mit immer heißerem Bemühen sich die Pforten aller Wissensgebiete, die Erwerbenden mehrten den Besitzstand und die Genießenden freuten sich dankbar und stolz der gedeihlichen Früchte. Das waren wir, die Frauen und Töchter dieser reichen und intelligenten Judenhüuser. Ein glückliches Los war uns beschieden. Immer deutlicher erkannten die Führer, wohin die Judenschaft zu streben habe, immer zielvoller nnd bewußter waren sie am Werk und immer breiter und leichter wurden die Pfade, die unsere Glaubensbrüder damals wandeln durften. Es war dies wohl die schönste und reichste Zeit, die den so lange Geächteten beschieden. Im protestantischen Berlin, zunächst als Genossen und Freunde der hervorragendsten Männer der Wissenschaft, Kunst und Literatur anerkannt, fanden sich Juden, deren Namen mit Bewunderung und Ehrerbietung genannt wurde. Von dort kam die Kunde von der Bedeutung, die Juden innerhalb des gesellschaftlichen Lebens errungen. Die Geschichten von den geistreichen Jüdinnen und ihrem Stab hochbedeutender Gelehrter und Schriftsteller flogen von Mund zu Mund. Jede wünschte und hoffte im stillen Herzen, einer Henriette Herz oder Rahel Levin nachzugeraten und es unterliegt für mich keinem Zweifel, daß die ganze schöngeistige Richtung, welche bei den Töchtern Israels bis auf den heutigen Tag überwiegt, auf diese Erscheinungen zurückzuführen ist. Unwillkürlich war sie für die Erziehung der jungen Jüdinnen maßgebend geworden. Hörte man doch bis in die neueste Zeit jede Frau, in deren Haus geistige Interessen gepflegt wurden, als eine Nachfolgerin der Rahel Varnhagen bezeichnen. Auch in Breslau machte dieser

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