Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 225 (sequence 50)
- Language
- German
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225 unser Ohr.- Das waren die ersten Regungen des später bei den Juden so stark entwickelten künstlerischen und ästhetischen Empfindens. Als wir uns trafen, gabs ein Lachen und Begrüßen und fröhlich gingen wir vereint der Stadt zu. Mit Blumen beladen wir Mädchen, mit Laub und Gezweig die Jünglinge — ein verheißungsvolles Bild! Vor dem Hochzeitshause angelangt zerstreute sich die Gruppe, alle hatten noch die Hände voll zu tun, um bis zur Trauung fertig zu werden. Nur ich ging hinauf zu Hannchen, ich hatte den Wunsch, sie noch einmal allein zu sehen. Dieser Wunsch aber ging nicht in Erfüllung, denn ich fand sie umgeben von den Frauen, die ihre prächtigen Haare abschnitten, ganz kurz bis auf die Haarwurzeln und ihr dann eine seidene Kappe überzogen, die den Kopf fest umschloß und auf der dann eine falsche Haartour befestigt wurde. Allerlei Gebetsprüche begleiteten diese uralte Zeremonie, die aus dem Orient stammt und die Hörigkeit der Frau besiegelt. Ich sagte euch schon, daß ich laut aufweinend dies mit ansah. Die Blumen waren meinen Händen entsunken, achtlos lagen sie am Boden, neben Hannchens reichem Haar. Mißachtet, mit Füßen getreten die wundervolle Zier. Des jungen Mädchens schönster Schmuck, ihr duftendes, braunes Gelock, des Gartens duftendes, buntes Geblüh. Wie gebrochen ging ich davon. Warum bringt nur dieser schönste Tag im Leben eines Mädchens so viel Häßliches, fragte ich mich traurig? Die Braut sah blaß aus. Sie durfte ebenso wenig wie der Bräutigam Speise und Trank zu sich nehmen. Wie am heiligen Versöhnungslage mußten sie fasten. Das alles erregte mich, und innerlich verstimmt, schlich ich nach Hause. Ich wollte meinen Bruder Josef sehen, aber er war im Zimmer des Vaters mit diesem, seinem Schwiegervater und meinen beiden altern Brüdern, dem Breslauer und den Londoner, eingeschlossen. Meine Mutter sah erregt aus, und auf meine ängstliche Frage, was dort in Vaters Zimmer vor sich gehe, antwortete sie, die „Nedan“ wird gelegt. Ich hatte wohl das Wort oft gehört, aber es war ohne Beachtung an meinem Ohr vorübergegangen. Jetzt fragte ich nach seiner Bedeutung. Es ist die Mitgift, die bis auf den heutigen Tag eine große, berechtigte Rolle in den Judenehen spielt. Die Zukunft des 15