Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 224 (sequence 49)
- Language
- German
- Belongs to
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224 es nie, daß er in den Erregungen, den Augenblicken der Rührung, der Zärtlichkeiten und Familienintimität, die so eine Judenhochzeit auszeichnen, reserviert sich abseits hielt. Mehr wie ein stiller Beobachter als ein Zugehöriger, und daß meine Mutter, wohl unter dem Eindruck dieser innerlichen Entfremdung ihn mit „Sie" anredete, was er stillschweigend hinnahm. Auch die beiden Mädchen wurden nicht zutraulicher, und offenbar befremdete sie alles, was sie sahen. Die Hochzeit bot für sie zu viel des Absonderlichen; aber wenn ich heute gerecht beurteile, was mich damals tief verletzte, so muß ich mir sagen, Esther und Ruth werden den Zeremonien, von denen ich heute ihnen erzähle, mit ebenso viel Staunen folgen, wie einst Ellen und Judith. Der Hochzeitsmorgen brach an. Es war ein sonniger Herbsttag. Für Naturstimmungen hatten die Juden von dazumal wenig Verständnis und ich weiß nicht, ob irgend jemand beachtete, wie schön und fonnendurchleuchtet dieser Tag war, wie reich und satt in des Herbstes gesegneter Fülle. Heute würde man der Symbolik eines solchen Hochzeitstages freudig nachspüren. Niemand dachte damals an derartige Dinge; hastig und geschäftig ging man der heiligen Handlung entgegen. Ich war am frühen Morgen mit meiner Nichte Regina und einigen Freundinnen zu einem Gärtner gegangen, der außerhalb der Stadt Gemüse und Blumen zog. Von ihm kauften wir bunte Zwergastern und Eisbeeren zu Kränzen, mit denen wir uns schmücken wollten. Frische Blumen im Haar. Der Eindruck der herbstlichen Schönheit dieses Tages ist mir in lebendiger Erinnerung geblieben. Die Morgensonne breitete sich über grünende Wegraine, goldig glänzende Stoppelfelder und blutrot glutende Vogelbeerbäume, die an der Landstraße standen, aus. Mein Herz wurde weich und weit, und träumerisch blickte ich in die Ferne, die sich vor mir auftat. Die Straße entlang kamen einige junge Leute. Michael Ehrenfest war unter ihnen, Carl Schiff, der Bruder der Braut, und einige Freunde Josefs. Sie waren frühmorgens in den Wald gegangen und kamen mit Tannenzweigen reich beladen zurück, um das Hochzeitshaus zu schmücken. Singend zogen sie einher, und die Klänge eines deutschen Liedes schollen an