Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 223 (sequence 48)
- Language
- German
- Belongs to
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223 und Fisch in kräftiger Zubereitung, dazu die schweren Ungar- Weine . . . kurz, so eine Hochzeitswoche war ein Genießen ohne Ende. Eine Mahlzeit reihte sich an die andere, und was dazwischen lag, war auch ein Naschen, Lecken, Schlecken. „Friederike" war gewissermaßen die rühm- und pflaumenmusbedeckte Herrscherin in dieser Welt der israelitischen kulinarischen Genüsse. Wie euer Großvater als Arzt später meinte, leiden die Juden noch bis heute an der Qualität dieser Kochkunst, und Karlsbad dankt seine Berühmtheit den von irgendwelchen Friederiken durch Butterkuchen und Fladen erblich belasteten Magen. Für manche hängen die Erinnerungen daran mit Wesen und Inhalt des Judentums bis auf den heutigen Tag zusammen. Nicht ohne eine gewisse Berechtigung, denn da ihrem gedrückten Leben keine anderen Freuden sich erschlossen als die am häuslichen Herd, so war es nur begreiflich, daß man dort dem Süßen, Würzigen, Fetten besonders geneigt war und die Speisen in dieser Zubereitung liebte. Unter den Gästen war mein Bruder Mayer Sinsheimer mit seinen beiden Töchtern Ellen und Judith. Ein dunkles Gefühl sagte mir, daß sie wohl in verwandtschaftlicher Gesinnung zu uns gehörten, aber sonst völlig von uns verschieden waren. Mein Bruder hatte sich vollständig anglisiert, er war in Haltung und Manieren ein Stockengländer und auch seine deutsche Aussprache hatte englischen Akzent. Ellen und Judith, meine Nichten, schauten mit verwunderten Blicken in diese ihnen fremde Welt. Unserer Sprache waren sie nur wenig mächtig und ich weiß mich zu erinnern, daß ich mit einem aus Bewunderung und heimlicher Neugier gemischten Gefühl sie beobachtete, wie sie sich ganz ladylike bewegten und trotz ihrer Jugend schon eine große Sicherheit besaßen. Meine Vorliebe für alles Englische stammt wohl aus jenen Tagen, ich nahm mir auch vor, englich zu lernen, denn Lernen war uns ja nicht mehr verwehrt. Zu meinem Bruder und seinen Töchtern aber fand ich keinen rechten Standpunkt. Sie imponierten mir, und ich anerkannte unbewußt auch die höheren Lebensformen, in denen sie sich bewegten, aber die Herzlichkeit fehlte, und ich konnte mich ihnen nicht innig anschließen. Meine Beziehungen zu meinem Bruder und seiner Familie sind auch späterhin nicht wärmere geworden, und ich vergaß