Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 222 (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
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222 Als sie kamen, umarmte Hannchens Mutter die bräutliche Tochter unter heißen Tränen, auch alle übrigen Anwesenden weinten, und Hannchen selbst, von tiefer Rührung ergriffen, lehnte an ihrer Mutter Schulter. Ich stand von sern und wußte mir all dies nicht zu deuten, und ein banges Gefühl beschlich mich. Viel später erst erfuhr ich, daß die Braut durch ein rituales Bad in dieser Stunde für die Ehe geweiht wurde, für die Gemeinschaft von Seele und Leib mit dem Gatten. Als die Frauen sich beruhigt hatte:!, schloß sich ein fröhliches Mahl dieser Zeremonie an, ich aber blieb traurig, und im ahnungsvollen Mädchenherzen dämmerte es von den Pflichten des Weibes und ihrer heiligen Mission der Mutterschaft. Wie solche Gedanken in mir entstanden, weiß ich nicht. Vielleicht war es gerade das, was in halben Andeutungen und versteckten Hinweisen mein Ohr erreichte, meine bis dahin schlummernden Sinne weckte, meine Wißbegier reizte, was diese bangen Fragen in mir anregte, mich unruhig, ängstlich und dabei sehnsüchtig machte, und ich betrachtete es als eine der besten Errungenschaften der modernen Erziehung, daß man seine Töchter aufklärt über das Wesen der Ehe und sie nicht unwissend diesem größten Wunder und tiefsten Rätsel gegenüberstellt. Es bleibt genug und übergenug, was sie in sich zu erleben haben in jenen Stunden, die sie zum Weibe machen. So kam es, daß ich dem Hochzeitstage meines Bruders mit einer gewissen Erregung und Herzensunruhe entgegensah, die ich nur schwer beherrschen konnte. Glücklicherweise hatte niemand Zeit, sich viel um mich zu bekümmern, und so ging es unbemerkt vorüber, daß ich fast nur mechanisch, wie im Traume mich an allem beteiligte, was die freudige Geschäftigkeit dieser Tage mit sich brachte. Im Hause wurde gebacken und gebraten. Die Leckerbissen der jüdischen Küche kamen die ganze Woche nicht von unserm Tisch. Die berühmte „Kochfrau Friederike" schwang ihr Zepter in Küche und Keller, umgeben von einem Stab Hilsteicher Kräfte. Man kostete und schmunzelte, man lachte. . . . Die Juden waren bei aller Einfachheit ihrer damaligen Lebenshaltung Gutschmecker. Ihre Magen waren wohl ausgerüstet für die schweren Nationalgerichte, die gewürzt, süß, fett und ziemlich unverdaulich waren. Die großen Fladen, die gelben Butterkuchen, die rosinengespickten Barches, Braten