Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 221 (sequence 46)
- Language
- German
- Belongs to
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221 abgeschnitten und das Haupt der Neuvermählten wurde mit einer falschen Haartour bedeckt. Ich brach bei dieser Zeremonie, bei der man mich unbedachter Weise dabei gelassen, in lautes Weinen und Jammern aus, und ich glaube, daß an jenem Tage sich die ersten Zweifel in meinem Herzen regten und die erste kritische Beurteilung von Gebräuchen und Sitten, über die ich später an der Seite meines Gatten vielfach hinausgewachsen bin. Das alles wurde mir erst klar, als ich gereist und nachdenklich die Fragen der Zeit in mir erwog, aber zugleich damit wurde in mir auch das Verständnis wach für den tiefen Sinn und die tiefere Bedeutung, die diese Zeremonien für die damalige Zeit hatten. Drei Tage vorher hatte Hannchen zum ersten Male das Frauenbad besucht. Begleitet von ihrer und meiner Mutter und der Schwiegermutter meines Bruders David war sie dorthin gegangen. Wir jungen Mädchen waren neugierig nachgeschlichen und mit Herzklopfen sahen wir von weitem, wie sie das Haus betrat. Etwas Geheimnisvolles umgab diesen Vorgang, und vergebens bemühten wir uns, Ausschluß darüber zu erhalten. Unsere Fragen wurden mit der Antwort beschieden: „Wenn du zu gesund unter die Chuppe gehen wirst, wirst du es schon erfahren!" .... Das erhöhte das Mysterium, um so mehr, als wir wußten, daß Hannchen von dieser Stunde an ihren Verlobten nicht früher als unter dem Trauhimmel Wiedersehen würde. Tausend Fragen bestürmten meine Seele. Ich beobachtete meinen Bruder. Er war nicht traurig über diese Trennung. Im Gegenteil, es lag ein Anhauch von geheimer, freudiger Erwartung über seinem guten Antlitz, und hin und wieder lachte er verstohlen für sich hin und ging in stiller Glückseligkeit seinen Geschäften nach. Ueberhaupt, die ganze Aufmerksamkeit konzentrierte sich vielmehr auf die Braut, wie auf den Bräutigam, sie war der Mittelpunkt des Interesses, um sie gruppierte sich Alles. Hannchen nahm das mit ruhiger Freudigkeit entgegen. Aber auch sie war verändert Sie hielt sich mehr zu den verheirateten Frauen der Familie als zu uns jungen Dingern, und sie, die bisher unsere Gefährtin war, schien uns plötzlich entrückt, wie entfremdet. Ich war zu Onkel Wolf hinaufgegangen, während die Frauen mit ihr im Frauenbade waren, um dort ihre Rückkehr abzuwarten.