Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 220 (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
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220 wurde, erscheint mir heute selbst ein Märchen. Aber ich habe dieses Märchen mit erlebt, ich, die die neue Zeit heraufdämmern sah, ich, die die neue Zeit erlebt, erlebt in innerster Seele mit ihren großen Erhebungen und ihren grausamen Schmerzen, ich, die ihr Herzblut hingegeben für diese neue Zeit, das hinausströmte, als meine Söhne den Heldentot starben, Wilhelm, mein herrlicher Sohn, dein Vater, meine Esther, und Ludwig, mein herrlicher Sohn, dein Vater, meine Ruth! Und Rabbi Akiba hatte uns dereinst gesegnet, die Jugend gesegnet, die damals in Ehrfurcht und Demut ihn umstand, nachdem er dem Bräutigam „die Weihe" gegeben, die Ehe eingesegnet hatte. Am Donnerstag Abend war er in Breslau eingetroffen. Eine Abordnung der Gemeinde war ihm bis Obernigk entgegengereist, der hunderte von Gemeindcmitgliedern sich angeschlossen hatten. Ein Viererzug war der Karosse vorgespannt, in der der kleine schmächtige Mann, in seinem seidenen Kaftan gehüllt, die Pelzkappe auf dem Haupte dasaß, still und einfach. Aber es ist mir noch heute erinnerlich, daß etwas Hoheitsvolles, Vornehmes über der bescheidenen Erscheinung ruhte, jenes undefinierbare Etwas, das die zum Herrschen Geborenen umgibt, und um den äußern Menschen den Abglanz einer edlen Seele breitet. So wirkte der Greis auf alle, die in atemlosem Schweigen das Haus von Wolf Schiff in der Reuschestraße umstanden, in dicht gedrängten Scharen, die Hunderte! Und dann, als er den Wagen verließ und einen Augenblick auf den steinernen Treppen, die zur Eingangspforte führten, stehen blieb und ein mildes, unendlich gütiges Lächeln seine Lippen umspielte, da neigten sich die Männer ehrfurchtsvoll und laut rief einer., aus der Menge: „Gelobt seist du u. s. w." und die andern wiederholten murmelnd diese Worte und die Frauen schluchzten laut vor Ergriffenheit und preßten ihre Kinder an sich, als sollten sie von den Mutterarmen eng umschlungen der Empfindungen dieses Augenblickes teilhaftig werden. Drinnen aber wurde er von seiner Tochter und seinem Schwiegersohn Wolf Schiff begrüßt, die demutsvoll seine Hand küßten und ihm Hannchen zusührten, die bräutliche, deren goldbraune Haare er mit segnender Hand streifte. Diese Haare fielen am nächsten Tage der Vernichtung anheim, sie wurden nach der Trauung