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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1905-01-01 · 8 (1905) · p. Seite 216

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
8 (1905)
Article
Naemi Ehrenfest
Date
1905-01-01
Page
Seite 216 (sequence 41)
Language
German
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216 sich den Wünschen der älteren Gefährtin anzupassen ... und wißt ihr, warum das geschah? Die kleine Tyrannin wollte meist nur das Gute. Sie besaß den glücklichen Instinkt, das angeborene Taktgefühl für das Rechte. Nur der ist zum Herrscher geboren, der nicht in blinder Willkür, in eigensinniger Selbstsucht sich durchzusetzen versucht, gegen die Einsicht und gegen die Demut anderer . . . und dir zu gehorchen war eine Freude, weil man dich als gütig empfand, auch wenn du noch so abwehrend und stolz erschienst. Wenn du das liest, mein Kind, dann sehe ich aus jenen Höhen auf dich herab, wo alles lichte Klarheit ist. Solche Klarheit erfüllt aber auch in dieser Stunde mein Herz, wo ich dir sage, was du uns warst und wie wir dich sahen! Dein Stolz war von besonderer Art, denn er verletzte nicht, und dein Wille war stark, weil er überzeugte, nicht zwang. Und so möge dein Stolz deinem Haus, in das du eingezogen, die Unnahbarkeit und Vornehmheit bewahren, die alles kleinliche, engherzige und gewöhnliche ihm fernhalten, nnd deine Willenskraft möge das Gute durchsetzen und wirksam sein in allem, was edel ist und groß. Nicht umsonst hat Gott dich an die Seite eines Gatten gestellt, einen Familienkreis dir erschlossen, wie er dir entsprechender nicht gedacht werden kann. So klang es aus der Rede wieder, die der ausgezeichnete Prediger, der euern Bund segnete und weihte, hielt. „Eins seid ihr vor Gott und den Menschen . . . eins wäret ihr, denn ihr wurzelt im Boden derselben vornehmen Gesinnung, die ein Erbe ist eurer Väter!" Wie schlug mein Herz in Dankbarkeit bei diesen Worten, gedachte ich deines Großvaters und meiner Ahnen, wie schlug mein Herz in Wehmut, gedachte ich deines teuren Vaters, dem es nicht vergönnt war, seines Kindes Hoheit zu schauen, und der im Dienste des Vaterlandes ein Opfer seines Berufes geworden. Wilhelm, mein herrlicher Sohn, mein Erstgeborener! Du aber wirst den 9Lrmen, den du jetzt trägst, ebenso in Ehren halten, wie wir alle den, der bislang dich zierte, Esther Ehrenfest — Esther Reichenheim, und dessen eingedenk bleiben, daß die Schönheit, die Weihe und Würde des Tages, der dir die Krone dieses Namens lieh, ein Tag der Freude und des Stolzes war für deine Großmutter! *

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