Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 215 (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
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215 Welche Herrlichkeit hat mein Auge geschaut, welche Freude hat meine Seele genossen! Noch ganz stehe ich unter dem Eindruck all des Schönen was ich erlebt habe, und mein Herz ist jung geworden und mein Körper elastisch. Des Alters müde Pein schien verschwunden, und der Trubel, die Ausregungen, die Gemütsbewegungen, die solche frohe Ereignisse mit sich bringen, haben mich ganz widerstandsfähig gesunden. Das ist die Wirkung der Festesstimmung. Ich glaube, es gibt ein gutes Mittel, alte Leute jung zu erhalten, das ist die Freude und die Zärtlichkeit. Diesen Abglanz von des Lebens Schönheit in ihrer Seele aufstrahlen zu lassen, das mildert die abendlichen Schatten, die sich langsam niedersenken. Mein Himmel ward erhellt durch diese Freudentage, und heimgekehrt in meine stille Klause, fühle ich mich verjüngt und genieße heitern Sinnes die köstlichen Rückerinnerungen. Wie wunderschön sähest du aus, meine königliche Esther, als du neben deinem Bräutigam vor den Altar tratest! Dies zu erleben hat Gott mein Alter gesegnet und ich . . . ja, ich erhoffe von seiner Gnade, daß ich auch dich, meine Ruth, noch als Braut sehen werde! Ich bin von dem Glanze der Festlichkeiten ganz entzückt, und daß ich es nur gestehe, auch meine Eitelkeit ist ein wenig erwacht. Es befriedigt mich, dich in eine so große, reiche Familie eintreten zu sehen. Diese vornehme, glänzende Lebenshaltung ist der richtige Rahmen für deine Person. Du passest nicht für enge Verhältnisse und es ist gut, daß es sich so gefügt hat und das Auge eines Mannes auf dich fiel, der klug erkannte, daß er seinem Hause keine bessere Repräsentantin finden könne als dich, Esther Ehrenfest. Der Reichtum und die soziale Stellung deines Gatten werden dich nicht übermütig machen, das weiß ich, die Verantwortlichkeit und Würde so breiter Daseinsbedingungen sind dir angeboren. So warst du von jeher, meine Esther, schon als du, die kleine Esther, zu uns kamst ... ein Kind mit der Haltung einer Prinzessin. Manchmal mußten wir lächeln, Großvater und ich, wenn du so steif und kerzengrade dich vor uns aufrichtetest und unbewußt noch, aber im Tone einer Herrscherin sagtest: Esther will! Und was Esther wollte, geschah meistens, und besonders Ruth, die stille, bescheidene, die kleine, süße Schwester war stets bereit.