Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 214 (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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214 schiede sie nicht länger hindern würden, ihren Anteil an dem Aufblühen des preußischen Staates nehmen zu dürfen. Den Drang nach Bildung regte sich jetzt in allen Schichten den jüdischen Bevölkerung. Was man für sich nicht mehr erreichen konnte, wollte man seinen Kindern wenigstens zugänglich machen. Dieser gewaltige Trieb zog die Juden vom Lande in die Städte, wo sie leichter Mittel und Wege glaubten finden zu können, um für ihre Söhne und Töchter die heißbegehrten Güter geistigen Lebens zu erwerben. Tausende und aber tausende siedelten sich dann in den größeren Städten an, die Privilegien, die man ihnen gab, erleichterten ihnen den Erwerb, die Gemeinden, die sie bildeten, genossen behördlichen Schutz, und von Berlin aus, dem Mittelpunkte jüdischen Geisteslebens und sozialen Aufschwungs, gelangten Mitteilungen in die Provinz, die überall die Herzen freudigen und hoffnungsvoller schlagen machten. In diese Zeit fiel Michaels Kindheit, der mit den Freudenbergschen Kindern auserzogen, nicht ahnte, daß er ein Kind der Armut sei, um dessen Leben Abenteuerlichkeit und Kriegsromantik dunkle Schleier woben. Erst kurz vor seiner Barmizwah erzählte ihm seine Pflegemutter die Lebensschicksale seiner Eltern. Diese Erkenntnis aber drückte seinen Geist nicht darnieder. Er empfand es nicht als eine Schande, von niedriger Herkunft zu sein und gelobte sich damals schon, aus sich selbst etwas zu machen und denen in Dankbarkeit anzuhängen, die ihm so viel Gutes erwiesen. Und beides hat er getan in seinem edlen und reichen Leben. Von Jiches war er zwar nicht, das erfuhren Regincr und ich, als er uns diese Geschichte seiner Eltern erzählte, aber um ihn war etwas, was ihn adelte und auch den Ahnenstolz beugte, der ohne, daß ich mir dessen recht bewußt war, in mnr ruhte. Und so hoch ich auch bis heutigen Tages das Gedenken an meine Familie halte, so großen Wert ich stets auf ihre vornehme Abstammung gelegt habe, so habe ich an der Seite meines Gatten doch erfahren, daß es einen Adel gibt, der in der eignen Seele wurzelt und daß ein wahrhaft edler und guter Mensch eine Krone trägt, die ihn zum Herrscher macht über die gesamte sittliche Welt. *