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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1905-01-01 · 8 (1905) · p. Seite 212

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
8 (1905)
Article
Naemi Ehrenfest
Date
1905-01-01
Page
Seite 212 (sequence 37)
Language
German
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212 auf einen Karren und zog sie hinter den Kriegsscharen her, die das Edikt Friedrich Wilhelms HI. am 17. März in heldenhaften Patriotismus zu den Befreiungskriegen vereinte. Viele Israeliten aus allen Kreisen der Judenschaft, reich und arm, folgten dem Ausrufe des Königs und stellten sich in die Reihe der Krieger. Aus allen Städten und Provinzen strömten sie herbei, und so gelang es Chajim Ehrenfest auch die kriegsrechtliche Erlaubnis zu erreichen, mit seinem Proviantkarren dem Heere sich anzuschließen. Herzlich schwer wurde ihm der Abschied von Weib und Kind, aber die Hoffnung, ihnen eine neue Existenz begründen zu können, wenn er nach Beendigung des Krieges mit dem dort Erworbenen zurückkommen würde, gab chm Mut und Kraft. Auch sein Weib Esther war voll Entschlossenheit und Ruhe, und als sie zurückkam aus der Stadt, wohin sie ihm das Geleit gegeben hatte, als er sich beim militärischen Kommando, meldete, da nahm sie ihr Kind in den Arm, küßte es und eine brennende Träne fiel aus ihrem Auge auf die Stirn des Knaben, so daß dieser erschrocken aufschrie. Dann sah sie ihn mit seltsamem Blick an und sagte halblaut: „Du bist gut aufgehoben bei Goldine Freudenberg, mein Michael . . . das ist eine „Zedekeste" und ihr Haus ist in Frieden und du wirst sein mit Lea ihrer Tochter und mit ihren Söhnen Gabriel und Uriel" . . -. und dann fing sie heftig zu schluchzen an und rief mit lauter Stimme die Worte: „zu meiner Linken Gabriel, zu meiner Rechten Michael und zu meinen Häupten Uriel" . . . man ließ sie gewähren und Goldine und Selig Freudenberg glaubten, daß so ihr grenzenloser Schmerz sich vielleicht am besten austobe. Am nächsten ^Morgen war sie verschwunden. Keine Spur deutete darauf, wohin sie sich gewendet habe. In der Stadt harte sie niemand gesehen, auch in den umliegenden Ortschaften nicht. Die Freiwilligen waren am Tage vorher abmarschiert, Chajim Ehrenfest mit ihnen, um sich ln Posen dem Armeekorps zu vereinen/das nach Königsberg bestimmt war- Ein Hausierer erzählte, daß er auf der Chaussee zwischen Nawitsch und Posen eine Frau getroffen habe, die sich danach erkundigte, wo die Balmechomes — die Krieger — jetzt seien? Das war das letzte, was nach ihr hindeutete. Da

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