Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 211 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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211 und kräftig. Die Sorgen und Nöte der Eltern warfen keinen Schatten auf die Wiege des kleinen Geschöpfes, an dessen Anblick die junge Mutter sich manchmal ftischen Lebensmut geholt haben mag; denn trauriger und schlimmer wurde es von Tag zu Tag. Allerhand Kriegsgerüchte drangen bis zu dem einsamen Hof, den eine Horde beutegieriger Landstreicher bereits einmal einer Plünderung unterworfen hatte. Damals hatte die geängstigte Frau ihr einziges Kleinod, das Kind, in ein Bündel gepackt und einer ergebenen Magd anvertraut, die es im Straßengraben förmlich hinkriechend, um von den Landstreichern nicht entdeckt zu werden, in das Mauthhaus brachte. Dort war die Sicherheit etwas größer, weil die Gebäude der Hebestelle fiskalischer Besitz waren und die behördlichen Organe infolge dessen ihnen einen gewissen Schutz angedeihen ließen. Und dort fand der kleine Michael kurze Zeit darauf dauernd seine Heimat. Es war im Februar des Jahres 1813, als wieder einmal herumziehende Horden die Weinschänke überfielen und sie nach vorgenommener Plünderung in Brand steckten und johlend und wiehernd von dannen zogen, die unglückseligen Menschen hilflos ihrem Jammer uberlassend. An Rettung war nicht zu denken, wer hätte den Aermsten zu Hilfe eilen sollen? Bis Bauern aus dem nächsten Dorfe, von Selig Freudenberg herbeigerufen, ankamen, war alles niedergebrannt und Chajim Ehrenfests mühselig erworbener Besitz ein Raub der Flammen. Sie hatten kaum das nackte Leben zu retten vermocht, und wiederum war Goldine die Trostspenderin und Helferin, indem sie die teimatlosen zunächst bei sich aufnahm. Selig, der mit allen Maßnahmen seiner Frau stets einverstanden war, besonders wenn es sich um Akte der Wohltätigkeit handelte, holte mit seinem Einspännerwägelchen die schwer heimgesuchten Nachbarn selbst ab und brachte die von Hof und Herd Vertriebenen unter sein schützendes Dach. Als der erste Schrecken überwunden war, mußte Chajim aufs neue daran denken, sich einen Erwerb zu suchen und verfiel dabei auf die sonderbare und kühne Idee, sich als Marketender den Freischaren anzuschließen, die damals zu neuen Kriegstaten rüsteten. In seinem Keller waren noch einige Fässer Wein und Branntwein der Raubgier der Plünderer entgangen, diese lud er 14*