Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 210 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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210 Viertelstunde von der Schänke gelegenen Mauthhause, der Zollerhebungsstelle für Mensch und Vieh, Frau Goldine Freudenberg: ihr verdankt Michael nicht nur die spärlichen Mitteilungen über seine Eltern, sondern überhaupt den Schutz, dessen der frühverwaiste bedurfte. Frau Goldine Freudenberg, die Frau des Mauthpächters Selig Freudenberg, spielte eine gewichtige Rolle in Michaels Leben, und mit tiefster Rührung und Dankbarkeit gedachte er ihrer bis an sein Lebensende. Schon drei Tage nach Michaels Geburt stand seine Mutter wieder hinter dem Schanktische. Sie verhielt sich diesem Akte gegenüber, wie die Bäuerinnen auf dem Dorfe, nicht, wie die verwöhnten Frauen in der Stadt. Am achten Tage wurde der Knabe in die Synagoge getragen zur Auftrahme in den Bund Abrahams, wobei wiederum Frau Goldine als Gevatterin figurierte. Als man nach der feierlichen Handlung in die Schänke zurückkam, gab es Lebkuchen und füßen Likör, „Lekech und Bronew" wie es hieß, und damit war alles erledigt. In dem Weinschank an der Landstraße ging wie vorher Mann und Frau harter und unermüdlicher Arbeit nach. Und schwerer und verantwortungsvoller wurde diese von Tag zu Tag, und was noch schlimmer war, auch des Nachts gab es keine Ruhe. Die unruhigen Zeitläufte brachten allerhand Kriegsvolk auf die Fahrstraße, daneben trieb Raubgesindel und sonstiges lichtscheues Pack sich umher, und die Sicherheit des Verkehrs litt unter den kriegerischen Ereignissen. Die einsame Schänke Chajim Ehrenfests und das Mauthhaus Selig Freudenbergs waren oft bedroht von herumziehenden Scharen wüster Gesellen, und da war es mehr die Umsicht und Kaltblütigkeit der tapferen Frauen Esther und Goldine, wie der Mut der allerdings bewaffneten Männer, die das Schlimmste abwehrten von den jeder Willkür preisgegebenen Judenhäusern. Das brachte die beiden Frauen auch mehr zusammen, und die freundlich-gütige Goldine und die ernste, verschlossene Esther schlossen eine Art Freundschaft, die den schweren, sorgenvollen Zeiten doch manchen Lichtschein gab. Dazu gehörte auch, daß in Selig Freudenbergs Hause drei Kinder, Lea, die älteste und zwei Knaben trefflich gediehen, während die Eltern Michaels sich ihres erstgeborenen und einzigen Kindes erfteuten. Dieses entwickelte sich gesund