Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 208 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3111067-3111082-3113597--2203-3113823- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
208 Nachmittag erfuhr ich etwas über Michaels Herkunft. Merkwürdig genug war sie. Von seinen Großeltern war ihm überhaupt nichts bekannt. Vermutlich gehörte sein Großvater zu den Packjuden, die noch in den Verordnungen der Jahre 1765—1770 gleich den Zigeunern behandelt werden sollten und zu denen nächst den Gauklern, Bettlern, Bärenführern, Kollektanten, die Pack- und polnischen Juden gerechnet wurden. Ein galizischer Jude, war er wahrscheinlich in Deutschland eingewandert, und hatte bettelnd und hausierend sich dort erhalten, trotz aller Drohungen von Zuchthaus und anderen Strafen, die dem „herrenlosen Gesindel", als das die sogenannten „Packjuden" angesehen wurden, in Aussicht gestellt waren. Diese ärmsten, heimatslosen waren eben zäh, mußten es sein in jenem wunderbaren Selbsterhaltungstrieb, der das Volk vor dem Untergang bewahrte. Im Herzogtum Posen fanden sie damals noch die meiste Begünstigung und eine gewisse Hilfeleistung bei besser situierten Glaubensbrüdern, und dorthin weisen die Spuren von Chajim Ehrenfest, Michaels Vater. Er war vermutlich ursprünglich wie die übrigen seiner ärmeren Glaubensbrüder, hausierend auf den Dörfern umhergegangen, das Stück trockenen Brotes und die Zwiebeln im Leinwandsäckchen mit sich führend, die Ernährung der ganzen Woche, die durch ein Glas Milch, das man auf den Bauernhöfen gegen irgend etwas von seinen Hausiererschätzen eintauschte, zum Festmahl erhoben wurde. In dieser beispiellosen Bedürfnislosigkeit lebten damals die meisten Juden. Beglückt und stolz, wenn Sabbath- und Feiertage ihnen gesteigerte Daseinsbedingungen gewissermaßen zu religiöser Pflicht machten. Chajim Ehrenfest aber hatte offenbar etwas mehr Energie und Intelligenz wie andere Packjuden, denn schon im Jahre 1807 hatte er die Erlaubnis erlangt, einen kleinen Ausschank von Wein, Branntwein und sonstigen Spirituosen zu eröffnen, außerhalb der Stadt, auf der Chaussee, die von Kempen nach Kreuzburg führte. Das Geschäft schien gut gegangen zu sein, denn die Fuhrleute, die damals noch den ganzen Verkehr der Frachten mit ihren großen Planenwagen besorgten, ebenso wie die alten Postkutschen den der Personen, machten regelmäßig Halt vor