Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 207 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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207 Michael Ehrenfest aber dachte gar nicht daran, daß sein veränderter Studiengang ihn auch zu einer Veränderung der Sitten und Gebräuche führen könnte, die ihm heilig waren. Gelassen, fromm und bescheiden, mit einem heiligen Eifer für seine Wissenschaft, verkehrte er unter seinen Glaubensgenossen, unterrichtete, um sich zu erhalten, in verschiedenen Familien die jüngeren Sprößlinge in Deutsch, Latein und Mathematik, und verbrachte seine wenigen Erholungsstunden bei uns, oder bei Wolf Schiffs, so daß wir dadurch häufig beisammen waren. Das waren köstliche Stünden, denn damals fing er an, mir und meiner Nichte die Schätze der deutschen Dichtkunst zu erschließen. In athemloser Spannung folgten wir, wenn er uns die Meisterwerke der großen Dichter vorlas, wenn er sich mühte, uns den geistigen und sittlichen Gehalt dieser Schöpfungen zu erklären; in mir aber wuchs neben der Begeisterung für diese Verkörperung hoher Ideen, für diese Jdealgestalten der Liebe, Hingebung, Heldenhaftigkeit, eine schlimme Frage, und eines Tages wurde sie laut. Wir hatten Schillers „Kabale und Liebe" zusammen gelesen. Ich hatte bittere Tränen über Louisens und Ferdinands Tod geweint und den Bürgerstolz des alten Musikus genügend bewundert, als es plötzlich wie eine Verteidigung des Präsidenten in mir erklang: Darf man es ihm wirklich verargen, daß er nicht wollte, daß sein Sohn ein Bürgermädchen heirate? Was würden meine Eltern sagen, wenn ich einen Mann nehmen wollte, der nicht von „Jiches" ist? Siedendheiß schoß mir das Blut ins Gesicht und in wirren Schrecken sah ich zu Ehrenfest hinüber . . . und dann fing ich so heftig zu weinen an, daß meine Nichte Regina ganz erschrocken mich zu beruhigen versuchte. „So darfst du dir die Geschichten nicht zu Herzen nehmen, Naemi . . . und das ist ja Alles gar nicht wahr . . . das ist ja nur ausgedichtet . . . und die Louise ist gewiß gar nicht tot . . . nicht wahr Herr Ehrenfest ..." „Wenn sie von Jiches gewesen wäre, er hätte sie heiraten dürfen . . ." schluchzte ich fassungslos. Regina sah mich ganz verduzt an, aber auch ein anderer Blick traf mich, den ich nie in meinem Leben vergessen habe, so traurig und doch stolz zugleich war er. — Und an diesem