Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 206 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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206 Verdienste um ihre Glaubensgenossen erworben hatten, daß der Rus davon auch bis nach Breslau gedrungen war, wo man in fieberhaften Erregungen die Vorgänge verfolgte, die auf die Emanzipation der Juden von Bedeutung und Einfluß, waren. Es war nach der Juli-Revolution von 1830, wo diese neue Strömungen die jungen Geister erfaßten. Gabriel Rießer hatte damals gerade seine berühmte Streitschrift herausgegeben: „Heber die Stellung der Bekenner des mosaischen Glaubens in Deutschland an die Bekenner aller Konfessionen," und man sing zu begreifen an, daß man aus dem engen Gehege philosophischer Weisheit, den exakten Wissenschaften sich zuwenden müsse, um im realen Leben tatkräftig und praktisch seinen Mann zu stellen. Michael Ehrenfest gehörte zu den ersten, die dies erkannten und durchführten. Es mögen sich wohl auch damals schon die freigeistigen Ideen in ihm geregt haben, die nachmals sein Leben erfüllten, ohne daß er deshalb je aufgehört hat, ein guter Jude zu bleibem Mein Bruder Josef und Carl Schiff machten sich also zu Verteidigern Michaels, und ich erinnere mich lebhaft den Debatten, die darüber geführt wurden. Im Süllen billigte ich den Entschuß des jungen Studenten und in meinem jungen Herzen erwachten jene dunkeln Gefühle, mit denen man aus so kühner, ungewohnter Handlungsweise ein Heldentum sich ausmalt — und seit jenen Tagen war Michael Ehrenfest mein Held. Aber diesem Helden fehlte ein Wappen, das äußere Abzeichen des Adels. Keinerlei Jiches ließ sich erweisen und an einem Sabbath-Nachmittag saß Herr Eliesen Freund bei meinem Vater, erging sich in erregtem Gespräch über Michaels medizinisches Studium und sagte die denkwürdigen Worte: „Se megen es glauben oder nich, Mechutten^ as Ehrenfest nich stammte von Parchonim, wär er nich ä so ä Freigeist. . . was wird er tun, wenn er wird Schabbes gerufen zu ä Kranken? Schreiben werd' er, un fahren werd er . . ." „Aber das mög' man doch, bei ä Kränk ..." „Wer weiß, was man noch Alles mög," sagte der fanatische Mann darauf erbittert, und das Wort ist mir in späteren Jahren, wo die Jüngeren anfingen, sich auch von vielen Dingen zu befreien, oft durch den Kopf gegangen r „Wer weiß, was man noch Alles mög?"