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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1905-01-01 · 8 (1905) · p. Seite 205

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
8 (1905)
Article
Naemi Ehrenfest
Date
1905-01-01
Page
Seite 205 (sequence 30)
Language
German
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205 „Aus welcher Familie ist er?" war die erste Frage, wenn man einen Fremden kennen lernte, „ist er von „Jiches"? die zweite. Genau so, wie man sich nach der Ahnenreihe derer „von" und „zu" erkundigte. Ich lächle heute darüber ... es gab eine Stunde, wo es der erste und tieffte Schmerz meines jungen Lebens war. Damals als ich erfuhr, daß Michael Ferdinand Ehrenfest nicht von „Jiches" sei. Ich muß hier einschalten, daß in diesen festgeschlossenen Vorurteilen eine Ausnahme zu Gunsten der „Lernenden" gemacht wurde. Die sogenannten „Bachürim", die Talmudbeflissenen, hatten überall Zutritt, wurden überall ausgenommen und wenn auch, vielleicht ohne daß man es selbst wußte, eine gewisse Scheidewand aufgerichtet wurde, so waren die Beziehungen zu diesen die Talmudstudien betreibenden Jünglingen durchaus herzliche und achtungsvolle. Das steigerte sich noch erheblich, als diese Studien einen wissenschaftlichen Charakter bekamen durch die Ausbildung, die mit den akademischen Studien auf der Universität Hand in Hand ging. Diese jungen Männer waren überall hochwillkommen, und im Hause von Wolf Schiff verkehrten viele von ihnen. Von dort hatte mein Bruder Josef eines Tages Michael Ehrenfest zu uns gebracht. Den jungen Studenten umgab noch ein ganz besonderer Nimbus. Er hatte, nachdem er zunächst einige Jahre das Talmudstudium betrieben, mit der Absicht Rabbiner zu werden, sich diesem plötzlich abgewendet und war zur Medizin übergegangen. Das hatte gerechtes Auffehen in den betreffenden Kreisen gemacht, um so mehr, als noch zwei andere junge Leute seinem Beispiel folgten, und die Stellung, die Michael Ehrenfest damals einnahm, schien einigermaßen erschüttert. Da war es mein Bruder Josef, der mit dem schönen Enthusiasmus, der sein ganzes Leben auszeichnete, für ihn eintrat, mit ihm sein Freund Carl Schiff. Beide erklärten, in diesem Uebertritt Michaels auf ein anderes Studiengebiet keinen Abfall vom Judentum zu sehen, wenn er den Satzungen desselben nur treu blieb, beide fanden es sogar wünschenswert, daß die studierenden Juden sich weiteren Wissenszweigen zuwendeten, sie beriefen sich dabei auf das Beispiel Dr. Gabriel Rießers, der als Jurist, und vieler anderer die als Aerzte sich schon in jungen Jahren so große

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