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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1905-01-01 · 8 (1905) · p. Seite 204

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
8 (1905)
Article
Naemi Ehrenfest
Date
1905-01-01
Page
Seite 204 (sequence 29)
Language
German
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204 den Wissens- und Bildungsschatz zu vermehren. Mit wahrem Heißhunger wurde alles ausgenommen, was sich ihnen darbot, und mit Begeisterung und dem den Juden angeborenen Temperament erwarben sie diesen neuen köstlichen Besitz und hielten ihn fest. Es war eine herrliche, fruchtbare Zeit, die wir damals durchlebten und gern verweilte ich noch länger dabei, aber es drängt mich, über Euren Großvater zu sprechen, und daß ich es nur gestehe, mit dem Bekenntnis eines unrechten, ungerechten Gefühls muß ich das einleiten. Es hatte ein an Hochmut grenzender Stolz sich bei den Juden festgesetzt, die von vornehmer Abstammung waren. Gelehrsamkeit und großes Vermögen waren die Grundlagen der gesellschaftlichen Stellung, die nach außen noch immer sehr eingeschränkt, innerhalb der Judenschaft darum um so höher gehalten wurde. Man gab sich keine Rechenschaft darüber, wollte es wohl auch nicht tun, aber das Wort „Jiches" — Adel — hatte bei den Juden eine so außerordentliche Bedeutung, wie nur je in den feudalen Familien der Aristokratie, und die alten Rittergeschlechter konnten kaum einen größeren Ahnenstolz für ihre Helden und Kreuzfahrer aufbringen, als die Juden für ihre Vorfahren, die den geistigen und materiellen Besitz des Volkes gemehrt und gehütet hatten. In die Güte und Hilfsbereitschaft für arme Glaubensgenossen mischte sich immer etwas wie Herablassung, wenn sie nicht nur arm, sondern auch unwissend waren, und über ihr Herkommen nichts bekannt. Ganz unmöglich wäre es gewesen, daß Sohn oder Tochter aus gutem Hause sich unter ihrem Stande verheiratet hätte, und ebenso, wie die Vermögensverhältnisse vorher genau geordnet wurden, so wurde die Würdigkeit der Familie, mit der man eine Verbindung einging, geprüft, die Abstammung durchforscht bis in die weitesten Verzweigungen, und ein beinahe noch höherer Wert, auf den Stammbaum als aus die Mitgift gelegt. Besonders bei sehr reichen Juden war es Sitte, die Kinder mit solchen, in hohem Ansehen stehenden Talmudgelehrten zu verheiraten, so daß beides. Wissen und Vermögen, die Basis solcher Ehen bildete. Das Wort „Jiches" war uns Allen geläufig. Es umfaßte das wichtigste Interesse für neue sich uns gesellende Erscheinungen und galt innerhalb dieser Kreise soviel wie ein Adelsbrief.

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