Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 203 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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203 Feuergeist und wendeten die bis dahin stumpfen Blicke der Sonne zu. Ein eigentümliches Leben kam damals ins Judenhaus. Die Alten hüteten die Schätze der Tradition, die Jungen eroberten die Güter einer neuen Zeit. Zögernd fanden diese sich darin und wehrten ihnen nicht, und jene respektierten in ehrfürchtiger Pietät, was den andern heilig war. Und so aus dieser Wechselwirkung erwuchs das, was dem Judenhaus in allen Phasen seine Beständigkeit sicherte: Die Achtung vor dem Alten, dem Bestehenden, das Verständnis für das Neue, das Werdende. In ein feines Wort hat euer Großvater das zusammengefaßt: „Jüdische Eltern lieben in ihren Kindern die Fortentwickelung, jüdische Kinder ehren in ihren Eltern die Ueberlieserung." Euer Großvater! Ihr seht ihn jetzt immer klarer und deutlicher in mein Leben treten. Und daß ich es euch nur vertraue, ich glaube im Herzen der Zwölfjährigen regten sich bereits die ersten Zärtlichen Gefühle für den damals Siebzehnjährigen. Mein Bruder Joseph, der zwei Jahre älter als er, und damals schon eine gewisse verantwortliche Stelle im Geschäft von Wolf Schiff einnahm, war in dessen Familie durch Carl mit Michael Ehrenfest bekannt geworden. Dieser galt unter den jungen Leuten als ein Lumen, und war es auch, wie ich mit Stolz und Freude es euch sage. Alle waren bemüht, in freundschaftliche Beziehungen zu ihm zu gelangen, und es galt als ein Vorzug, von ihm sagen zu dürfen: „Mein Freund Michael Ehrenfest." Alle geizten um diesen Vorzug und mein Bruder, der trotz seines kaufmännischen Berufes, sich mit wahrer Leidenschaft und Inbrunst geistigen Bestrebungen zuwendete, hatte erst das Interesse und später die Freundschaft dieses ausgezeichneten, ernsten jungen Mannes errungen. Ich rnöichte an dieser Stelle auf die immerhin sehr bemerkenswerte Erscheinung Hinweisen,, daß es besonders die jungen Kaufleute waren, die mit einer Hingebung und Verehrung ohne Gleichen das geistige Aufblühen im Judentum verfolgten und förderten. Moses Mendelssohn, David Friedländer und manche andere waren ihnen leuchtende Vorbilder. Die meisten von ihnen hatten im Talmudstudium, das allgemein geübt wurde, gute Vorbedingungen für den Ausbau des Denkens und Erfassens gewonnen und so wurde die Mußezeit nur dazu angewendet.