Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 202 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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202 sie nicht nur Empfangende, sondern bald auch Gebende werden ließ. Denn reich war die Frucht, die der Aussaat folgte. Wenn ich, heute eine 68jährige Frau, zurückblicke auf diese Entwicklungsphasen, die ich selbst erlebt, dann denke ich manchmal, Jahrhunderte müßten zwischen einst und jetzt liegen und mit Dankbarkeit gegen Gott, mit Bewunderung für die Pioniere unter unfern Glaubensbrüdern erfüllt es mich, wenn ich die Wegstrecke überblicke, die sie zurückgelegt in so kurzer Zeit. Mutig, unerschrocken, beharrlich vorwärts dringend, den Urwald der Vorurteile lichtend, der von hüben und drüben, schier undurchdringlich, ihnen den Weg ins Land geistiger Freiheit sperrte. Ihr, meine Geliebten, und um euch die moderne Welt, wandelt auf breiten geebneten Pfaden, weich und leicht jeden Schritt zu den Tempeln des Wissens, der Schönheit und Erhabenheit in Kunst und Literatur; auch meine Straße war schon eben und gut gehalten, aber mit Rührung erfüllt mich der Gedanke, daß mein Mütterchen erst in Breslau, also bereits im 48. Lebensjahre, deutsch lesen lernte, ganz heimlich und wie in stiller Scham, um wenigstens eine Vorstellung von dem zu gewinnen, was die Herzen ihrer Kinder und Enkel so hochgemutet machte und begeisterte ... Wissenschaft und Dichtung und immer wieder Wissenschaft und Dichtung und immer wieder . . . von nichts anderem war die Rede. Und wenn sie es auch nicht mehr erreichte, sich selbst viel von dem zugänglich zu machen, was in dieser köstlichen Sprache entstand und zum Ausdruck gelangte, an höchstem geistigen Gehalt und blühender Poesie, so lauschte sie doch zaghaft erst, später aber mit wachsender Anteilnahme, wenn ich und meine um zwei Jahr ältere Nichte, die Tochter meines Bruders David, ihr die Geßnerschen „Idyllen", Mendelssohns „Phädon", Lessings „Nathan" vorlasen. Und so wie ihr, ging es auch den andern Frauen der vornehmeren Judenschaft. Ihre Männer hatten durch ihre geschäftlichen Beziehungen schon einen Zusammenhang mit der Außenwelt gewonnen, der es ihnen unmöglich machte, den Einwirkungen des modernen Lebens sich ganz zu verschließen, und ihre Kinder erst lechzten nach diesen Errungenschaften, schlürften mit erwachenden Sinnen am Born der Kultur den quellenden Trank, berauschten sich an seinem