Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 201 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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201 Eine köstliche Zeit begann jetzt für mich. Im Hause meiner Eltern und bei Onkel Wolf Schiff, versammelte sich die jüdische Jugend zu ernsten, geistigen Unterhaltungen. Aus den Spielgefährten der Gaffe waren Jünglinge und Jungfrauen geworden, die nur ein Ziel, ein Streben hatten, sich zu belehren und aus dem Born der Weisheit zu schöpfen, die wundervollen Anregungen in sich aufzunehmen, die in ungeahnter Fülle und Herrlichkeit auf sie einströmten. Seine Kinder unterrichten zu lassen, galt stets als vornehmste Pflicht jüdischer Eltern, auch der einfachsten und ärmsten unter ihnen. Denn die Lehre Gottes kennen zu lernen war Gebot; dem schloß sich das Studium von Mischna und Talmud an, und wenn sie auch nur im Hebräischen, der Sprache der Väter, bewandert waren, so gab es Analphabeten, wie bei den breiten Volksschichten Andersgläubiger, bei den Juden nicht. Auf so vorbereitetem Boden keimte dann auch leicht der Wunsch, mehr zu wissen und zu lernen, als was im engen Umkreis jüdischer Gelehrsamkeit gedieh, und schon am Ende des 18. Jahrhunderts gab es ausgezeichnete Männer, die mit dem geistigen Besitz anderer Völker sich vertraut machten. Deutsch lesen und schreiben lernten damals schon viele, wenn auch meist nur heimlich. Denn wie ein Unrecht gegen die Lehre bewachteten jüdische Fanatiker es, wenn dem Studium des Talmud die Zeit entzogen und auf andere Dinge verwendet wurde. Das aber hielt den Strom der geistigen Regsamkeit nicht auf; unaufhaltsam ergoß er sich in die engen Judenhäuser und erfüllte dort die Seelen mit neuen, erhabenen Empfindungen. Mein Vater hatte schon in Frankfurt deutsch geschrieben, soweit seine geschäftliche Tätigkeit dies erforderte, während die meisten unserer Glaubensgenossen sich zur Zeit noch der jüdischen Kurrentschrist zur Verständigung bedienten. Auch die Sprache war noch gemischt mit den Ausdrücken des Jargons, den sie, wenn sie unter sich waren, was besonders bei den Frauen und Kindern immer der Fall war, ausschließlich anwendeten. Es erscheint geradezu unglaublich, in wie verhältnismäßig kurzer Zeit sich die Umwandlung vollzogen hat, die schon der nächsten Generation die höchsten Höhen der Bildung zugänglich machte, die Pforten der Wissenschaft und Literatur weit erschloß und