Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 199 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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199 billigung über Wolfsohn Halles reformatorische Bestrebungen ausdrückte, in denen er eine Gefahr für die israelitische Jugend sah, und ganz deutlich im Gedächtnis ist mir geblieben, wie er einmal an einem Sabbathnachmittag ausrief: „Das ist ja alles ganz schön mit der Aufklärung und Toleranz, aber wir werden die Aufklärung besitzen und die Toleranz wird man uns verweigern. Sie sollen sehen, Mechutten, wie ich recht behalt'. Jude bleibt Jude! Ob mit oder ohne Aufklärung ..." Ich mochte damals etwa acht Jahr alt gewesen sein und der Sinn seiner Worte wurde mir erst viel später klar . . . leider! Als auch ich zu der Erkenntnis gelangen mußte, daß alles, was wir an geistigem Besitz erworben, was wir in uns entwickelt haben, dank der uns angeborenen Vorzüge, der Nächstenliebe, der Dankbarkeit für uns erwiesene Wohltaten, des Opfermutes für unser Adoptivvaterland, nicht vermochte, uns die Toleranz derer zu sichern, auf die wir bauen und hoffen zu dürfen glaubten. Wo blieb der Nachhall von Herders Worten, die als Widmung in ein Buch eingeschrieben waren, das mein Bruder Josef zu seiner Barmizwali bekam? Es waren Geßners „Idyllen", in einer Uebersetzung von David Friedländer, auch eines jener Männer aus der nachmendelsohnschen Zeit, der bedeutsamen Einfluß auf die geistige Entwicklung seiner Glaubensgenossen nahm und durch seiye Qufopserungsvolle Tätigkeit, an der sogenannten „Freischule" in Berlin, der auf Mendelsohns Anregung ersten modern organisierten jüdischen Schule, sich große Verdienste erwarb. Mein Bruder hat mir später dieses Buch geschenkt ... zu jener Zeit als euer Großvater, mein unvergeßlicher Gatte, zum ersten Male in unser Haus kam. Ich war damals zwölf Jahr alt. Ich bewahre dieses Buch, als eines der köstlichsten Erinnerungszeichen aus jenen für mich herrlichen Tagen, wo der Geistesreichtum der deutschen Nation in Dichttunst und Literatur auf mich einzuströmen begann. Wo in jeurigem Lerneifer und mit dem den Juden innewohnenden philosophischen Spürsinn und der ihnen angeborenen Dialektik, junge, begabte Leute, wie mein Bruder und seine Freunde, zu denen mein nachmaliger Gatte gehörte, die Kantischen Philosopheme zu durchdringen sich bemühten, wo sie für seine