Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 198 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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198 Glaubenstreue und Gemütsleben; in unverminderter Stärke gingen die Juden dem dann rapid folgenden Aufschwung entgegen, der sie aus dem Geächteten zu freien Menschen machte. Diese Uebergangszeiten mußten jene prächtigen Gestalten zeitigen, zu denen meine Brüder, mein Gatte, und gleich ihnen eine große Schar junger Israeliten sich entwickelten, die in der Geschichte des Judentums, ebenso wie in der Geschichte der deutschen Nation, eine ehrenvolle Rolle spielten. Manch einen von ihnen werdet ihr im Verlaufe dieser Auszeichnungen noch kennen lernen, die Namen mancher unter ihnen sind euch längst bekannt. Zu jener Zeit, bei der ich jetzt verweile, lebten sie nach ihrer Kindheit hinter engen Mauern, in engen Straßen, in engen Anschauungen, nur aufeinander angewiesen, auf das, was das Judenhaus, die Gasse ihnen brachte — und doch, es muß ein triebkräftiger Boden gewesen sein und mit dankerfülltem Herzen kehre ich wieder dorthin zurück, denn auch mein Jugendleben vollzog sich unter diesen Bedingungen. Die Einflüsse des Geisteslebens an denen die Juden seit Moses Mendelssohns heilvollem Wirken bereits einen lebhaften Anteil nahmen, machten sich allgemach überall bemerkbar und besonders in Breslau, dessen sehr intelligente Judenschast mit höchster Spannung die Vorgänge in Berlin verfolgte, äußerte sich dies in starker geistiger Regsamkeit. Ich hörte, damals ein junges Kind noch, die Namen aller der Männer und Frauen, die eine große Rolle spielten in diesen Tagen geistigen und sozialen Emporstrebens und mit aus kindlicher Neugier und staunender Bewunderung gemischten Gefühlen lauschte ich auf die Gespräche meiner Brüder und konnte nie genug hören, von dem, was sie den Eltern erzählten, von den Errungenschaften, die auf den Gebieten der Wissenschaft, Kunst und Literatur den Juden zu Gute kamen, von ihuen selbst erobert und gefördert wurden. Viel später erst gelangte mir das zu vollem Bewußtsein, aber als kleines Mädchen wußte ich schon, daß Joel den Jehuda Löwe der erste Professor an der Wilhelmsschule war, an der zu unserer Zeit Aron Wolfsohn Halle wirkte, bei dem mein Bruder den ersten Unterricht im deutschen, französischen und besonders in der Mathematik genoß. Ich hörte, wie der Schwiegervater meines ältesten Bruders, Elieser Freund, meinen Vater ferne Miß-