Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 197 (sequence 22)
- Language
- German
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197 ich gern verweile bei den schlichten, reinen Freuden dieser lieben, schönen Tage. Und ihr, meine Lieblinge, begleitet mich zurück an jene Stätten liebevollen Gedankens. Das Elternhaus in Breslau hatte schon einen gewissen moderneren Anstrich bekommen. „Neumodisch", sagte mein Vater schmunzelnd, wenn er etwas von den Formen und Gebräuchen zu erkennen glaubte, die durch den Verkehr mit den feinen Judenfamilien auch bei uns eingeführt wurden. Die Mutter trug einen Hut und Handschuhe, wenn sie Visiten machte, der Vater mußte sich ebenfalls zum Zylinder und Ueberzieher bequemen, und die Tracht, die sie in der Judengasse zu Frankfurt noch bis zuletzt beibehalten hatten, wurde allgemach den Forderungen angepaßt, die veränderte Lebensbedingungen und erweiterte Beziehungen zur Außenwelt notwendig machten. Und wenn mein Vater darüber auch spöttelte, so war er doch ein viel zu kluger und im gewissen Sinne vorurteilsloser Mann, um sich den Einwirkungen zu entziehen, die mit der Entwicklung seines Volkes auf dem Boden moderner Kultur zusammenhingen. „Andere Zeiten, andere Sitten" sagte er manchmal. Er war eben aus einem Kreise von Kaufleuten hervorgegangen, deren Horizont geweitet durch die großen, weltbeherrschenden Finanzoperationen, die auch nach anderen Richtungen die Blicke hinausschicken konnten zu jenen fernen Zielen, die Befreiung aus der Engnis und Bedrängnis verhießen, und ein Aufhören der Absonderung und Ausschließung von den Fortschritten und Errungenschaften des Kulturlebens der Nation. Die Sehnsucht und der Ehrgeiz der Juden regte sich damals schon allenthalben. Zu viel herrliche, bedeutsame Kräfte, zu viel geistige Betätigung, zu viel patriotischer Sinn strebte nach Entfaltung, nach der Möglichkeit teilzunehmen an den zivilisatorischen Arbeiten der Menschheit. Ueberall hörte man von hervorragenden Juden, von bedeutenden Taten solcher auf verschiedenen Gebieten, und wenn diese auch noch als Einzelfälle anzusehen waren, jene als Ausnahmemenschen galten, sö hatte doch die gesamte Judenschaft einen Anteil daran, und betrachtete mit freudigem Stolze diese Anzeichen künftig gerechterer Würdigung. So war diese Epoche mit die glücklichste für die Juden Deutschlands. Nach außen leidliche Ruhe, das Herz voll Erwartungen und Hoffnungen,