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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1905-01-01 · 8 (1905) · p. Seite 196

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
8 (1905)
Article
Naemi Ehrenfest
Date
1905-01-01
Page
Seite 196 (sequence 21)
Language
German
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196 euch, meine Teuren, Esther und Ruth, ist es vielleicht nur in diesem Sinne bekannt. Zur Zeit, von der ich spreche, umfaßte es die unverbrüchliche Zusammengehörigkeit, die Zuverlässigkeit und Hingebung einer Familie, das, was man heute unter Solidarität versteht. In einer gewissen Monotonie verflossen allerdings die Tage innerhalb solcher Daseinsbedingungen. Die Familienoberhäupter auf den Erwerb bedacht, die Mutter ganz mit der Sorge für das Haus und die Kinder beschäftigt. Diese Kinder wiederum auf sich angewiesen und die Gespielen der Gasse, die in der Gleichartigkeit der Lebensgewohnheiten und Interessen gewissermaßen wiederum nur eine Familie bildeten. Und in einer solchen Atmosphäre von Wohltun und intimer Freude wuchs die damalige jüdische Jugend auf, und was an Intensität und starkem Familiensinn, an innerlicher Geschlossenheit der Charaktere sich auch heut noch unter den Juden findet, an Hilfsbereitschaft und werktätigem Handeln, ist diesem Boden entsprossen und wenn ihr glaubet, daß es anders geworden, so blicket nur scharf zu und ihr werdet erkennen, daß es in den Grundzügen noch heute vorhanden ist, wenn auch die Form sich verändert hat. „Man versucht den Juden einen Vorwurf aus diesem Zusammenhalten zu machen und vergißt ganz, daß es die einzige Schutzwehr ist, das Auseinanderfallen zu verhindern. Daß die unglücklichen, armen und verfolgten unter unseren Glaubensgenossen nichts, aber auch gar nichts von andern zu erwarten haben, darüber müssen wir uns heute doch völlig klar sein, so müssen wir selbst ihnen helfend und schützend zur Seite stehen. Und wenn wir darüber nicht vergessen, was wir der Humanität im allgemeinen schulden, so darf und wird uns nichts verhindern, unsere Aufmerksamkeit und Fürsorge in erster Reihe denen zuteil werden zu lasset!, die einzig und allein auf uns angewiesen sind" ... Diese Worte hat euer Großvater zur Zeit des ärgsten Antisemitismus in einer Versammlung ausgesprochen, und sie haben und hatten stets den gleichen Wert, sodaß ich sie auch heute anwenden kann, wo meine Gedanken mich zurückführen in längst vergangene Zeiten. Ach, und mit so viel Dankbarkeit und Liebe gedenke ich dieser Jugendzeit, so viel Heiliges und Inniges strömte von dort in mein ganzes späteres Leben über, daß

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