Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 194 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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194 gewisser Egoismus in dieser Anordnung und doch wie viel Klugheit. Durch keinerlei äußere Einwirkungen beeinträchtigt, sollten wir erkennen, wie ihr euch entwickelt, seit ihr uns verlassen. Er ist dieses Glückes ja nicht oft teilhaftig geworden, mir aber hat seine Anordnung ein köstliches Vermächtnis gegeben. Zum fünften Male weiltet ihr jetzt bei mir und wenn ihr wiederkehret, ist Esther bereits vermählt. Und immer werdet ihr mir das Köstlichste bringen, wie ihr auch kommt, denn dieses Köstliche ruht in euch! Ich lächle, wenn ich denke, wie ihr so in voller Gegensätzlichkeit vor mich hintretet. Schwarz die eine, hoch erhobenen Hauptes, blond die andere, den Scheitel leicht gesenkt . . . und dennoch seid ihr eines . . . eins in der Liebe, die ihr bringt, eins in der Liebe, die ihr empfangt. Und wenn eure Lebenswege auch auseinanderstreben, .haltet fest an dem Erdreich, dem ihr entsprossen, haltet hoch das Heiligtum der Familie! Und damit ihr es als solches erkennt, kehre ich zu meinen Lebenserinnerungen zurück, heute, nachdem ihr abgereist seid. In Breslau wohnten wir in der Reuschestraße gegenüber dem Spezereiwarengeschäft von Wolf Schiff, das damals einen solchen Aufschwung genommen hatte, daß man den alten Wolf Schiff den jüdischen Molinari nannte. Das war der Inhaber des größten Spezereiwarenhauses en gros in Schlesien, das Gustav Freytag später in seinem berühmten „Soll und Haben" verewigt hat. Meine frühesten Kindheitserinnerungen knüpfen an dieses Geschäft an, und die Rosinenfässer, aus denen Onkel Schiff uns immer eine Handvoll spendete, wenn wir die drei Steinstufen, die zum Laden führten, hinaufkletterten und hineinlugten, sind mir in lieber Erinnerung. Mein Bruder Josef und ich, die damals kaum vierjährig, im Schutze des elfjährigen Bruders anfing, sich mit den andern Kindern der Gasse, zu befreunden. Dazu gehörten in erster Reihe die Söhne und Töchter von Wolf Schiff. Es war meinen Eltern sehr erwünscht, daß wir mit den Kindern dieser hochangesehenen Familie spielten, denn wenn wir auch durch die Angehörigen meines ältesten Bruders