Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 193 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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193 Und du meine holde Ruth! Wann wird auch dir die Seligkeit zuteil, die Esthers stolzes Herz erfüllt? Ja, stolz bist du, mein Kind, und ich will dich darob nicht schelten. Ein edler Stolz erhebt den Sinn und bewahrt uns von Kleinlichkeit und Niedrigkeit. Darum habe ich auch nie angekämpst gegen das, was so aufrecht und stark in deiner Seele erstand. Nicht ankämpfen soll man gegen die Merkmale einer Persönlichkeit, nur beobachten soll man und liebevoll den Spuren nachgehen. Verstehen soll man eines Menschen Natur, nicht sie bekämpfen. Das hat euer weiser Großvater zum ersten Erziehungsprinzip für unsere Kinder festgesetzt. Für deinen herrlichen Vater, meine Esther, für deinen herrlichen Vater, meine Ruth, und ich habe es übernommen, als ich dazu auserwählt war, eure Erziehung zu leiten. Erziehung! Das Wort ist mir eigentlich nicht recht sympathisch. Es liegt zu viel Bewußtes, Zielvolles darin. Plan und Absicht und vor allem Richtung. Das heißt schon Beeinträchtigung. Ich möchte dieses Anleiten der Jugend mit einem sanfteren Ausdruck bezeichnen. Ziehen! Das umschließt etwas Hartes, Gewaltsames. Betrauen! Das sagt mir viel mehr, was meiner Auffassung dieser höchsten Aufgabe entspricht. Betrauen an Leib und Seele! Werden lassen, wachsen lassen und behüten. Die Augen offen halten und aufpaffen, was da sich regt im jungen Gemüt. Es ist meist das Schöne. Ich glaube an die eingeborenen guten Eigenschaften in der menschlichen Natur.' Und wenn man ihnen mehr Freiheit, mehr Liebe, mehr Sonne gäbe, wenn man ihnen mehr Güte zeigte, mehr Verständnis und mehr Eingehen auf den Eigenwert, dann würden die Menschen besser sein. Darum, mein Kind, liebe ich deinen Stolz, wie 'ich Ruths Demut liebe! Ach, du Süße, wie viel Freude gießest du in meine Seele, wie hold und anmutsreich erscheinst du mir immer und wieviel Hohheit liegt in deiner Demut! Wenn ihr das lesen werdet, dann wird es euch zurückrufen, was ihr mir gewesen seid und was diese Tage des Beisammenseins für mich bedeuteten. Was war das für ein kluger Einfall eures Großvaters, als ihr unser Haus verließet, festzusetzen, daß ihr beide alljährlich einmal zu uns kommen sollt, auf kurze Zeit nur . . . aber regelmäßig und immer nur ihr beide. Es lag scheinbar ein 13