Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 192 (sequence 17)
- Language
- German
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192 diese empor. Daran änderte sich auch nichts, als im Herbst meines Geburtsjahres in der Judengasse zu Frankfurt, wie in vielen andern Städten Süddeutschlands, arge Judenverfolgungen ausbrachen. Der dunkle Geist der Reaktion machte sich überall wieder geltend. Nicht, als ob nur eine kurze Spanne Zeit zwischen dem Jahre der Erhebung und 'Befreiung läge, sondern als ob alles ausgelöscht sei, was die Juden an Patriotismus und Opfermut aufgeboten hatten, so ging man. wieder mit ihnen um, und in fast mittelalterlichen Verfolgungen gefiel sich der niedere Pöbel und der höhere, unter dem die Anstifter zu suchen waren. Die Frankfurter Krawalle brachten auch das Haus der Rothschilds in schwere Gefahr. Vor nichts schreckten die Tumultanten zurück, und nur besonders glücklichen Umständen und der Entschlossenheit des Chefs der Firma und ihrer Angestellten gelang es, düs Haus, in dem zur Zeit die Gelder des Bundestages untergebracht waren, vor Plünderung zu bewahren. Mein Vater gehörte zu denen, die sich ohne Rücksicht auf die persönliche Gefahr zusammenfanden, um den Angriff abwehren zu helfen, aber am Abende jenes denkwürdigen Tages beschloß er, Frankfurt zu verlassen und nach Breslau überzusiedeln, wo bereits zwei seiner Kinder lebten. Frankfurt und seine Judengasse war ihm verleidet. Er sehnte sich hinaus in eine Freiheit, die ihm dort zu winken schien, und meine Mutten billigte seinen Entschluß, den sie auch niemals zu bereuen hatte. Im Mai des Jahres 1821 übersiedelten wir nach Schlesiens Hauptstadt, und Breslau wurde meine zweite Heimat. Die Stadt meiner Kindheit, meiner Jugend! Mit wie viel innerster Glückseligkeit erfüllt mich die Erinnerung an jene Zeit! ... An dieser Stelle trat eine längere Pause in meinen Aufzeichnungen ein. Eure diesjährige Anwesenheit, meine Kinder, hat wieder Sonne und Schönheit in meine stille Klause gebracht. Du Esther, Braut! Was wacht alles in meiner Seele auf bei diesem Gedanken! Und ich werde des Glückes teilhaftig werden, dich an den Traualtar zu geleiten. Natürlich komme ich! Ich komme, wie ich es dir versprach. Dieses Ereignis ruft mich aus meiner Einsiedelei in den Trubel der Welt zurück und wie gerne folge ich diesem Ruf.