Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 191 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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191 hatte bedeutende Verluste erlitten, und es fehlte ihm auch an der nötigen Spannkraft, immer wieder von vorne den Kampf zu beginnen, den er in allen möglichen Phasen ausgefochten. Dazu kamen sehr traurige Familienereignisse, die schwer auf seinem Geiste lasteten. Zwei Kinder, ein Knabe von 13 Jahren und ein Mädchen von 9 Jahren, starben innerhalb zweier Tagen, an einer Krankheit, die man damals häutige Bräune nannte. Das war drei Jahre vor meiner Geburt, die älteren Brüder hatten das Haus bereits verlassen und nur der kleine Josef war da, zu jung, um auf die Stimmung meiner Eltern einen Einfluß ausüben zu können. Es schien abwärts zu gehen mit dem Glanz und Glück des Elternhauses. Das Gemüt bedrückt von tiefen Schmerzen, materielle Verluste und Aergernisse aller Art, so sah es um die Teuren aus, als ich geboren wurde. Und wie meine Mutter mir nachmals oft erzählte, es war als wären mit diesem jungen Leben junge Freuden und frische Hoffnungen in die Herzen der alternden, müden Leute eingezogen. Mein Vater stand vor der Wiege der Neugeborenen voll tiefer Rührung und dann wandte er sich zu seiner Frau und sagte: „Der allmächtige Gott hat uns dieses Kind gesandt, um unser Leben zu verjüngen, Rahel, mein Weib, und Freude soll wieder sein in unserem Haus, und nicht einsam werden wir sein auf unsere alten Tage, wenn auch Josef, unser jüngster Sohn, hinausgehen wird in die Welt . . . denn die Söhne müssen von dannen ziehen. Diese Tochter aber wird unser Haus erfüllen mit Jugend und Güte und sie sei darob gesegnet und du mit ihr, Rahel, mein Weib!" Und dann breitete er die Hände aus über mein Haupt und sprach mit lauter Stimme: — „Der Herr segne dich, und gebe dir Frieden, der Herr lasse leuchten dir sein Angesicht und gebe dir seinen Segen — Amen!" Als meine Mutter lange, lange Jahre nachher mir die Geschichte meines Elternhauses erzählte, brach sie bei dieser Erinnerung in Tränen aus. Meine Geburt war wirklich ein Markstein im Leben meiner Ellern. Mein Vater von neuem Lebensmut erfüllt, streifte die Sorgen und die Unlust ab, die ihn in den letzten beiden Jahren früh gealtert erscheinen ließen, und mit wiedererwachter Energie und Schaffenskraft ging er seinen Geschäften nach. Und noch einmal blühten