Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 189 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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189 sicherlich sehr weit gebracht, wenn die Unruhe und Unsicherheit der Zeitläufte die Erfolge feiner Arbeit nicht immer wieder beeinträchtigt hätte. An den politischen Ereignissen dieser Periode nahmen die Juden in Freud und Leid teil, soweit man ihnen eine Teilnahme an öffentlichen Angelegenheiten überhaupt gestattete. Freilich mehr in Leid! Denn die Prügelknaben der Menschheitsgeschichte waren sie doch, und wo immer etwas auszufressen war, der Jude wurde dafür verantwortlich gemacht, auch wenn seine Unschuld sich klar erweisen ließ. Besonders in Frankfurt sah man es immerhin mit einigem Mißbehagen und viel Mißgunst, daß die großen Finanzgeschäfte in jüdischen Händen lagen. So lebten sie in einer gewissen äußerlichen Uneingeschränktheit in ihren Geschäftsbeziehungen und einem innerlichen Druck, der schwer genug aus ihnen lastete. Das aber hinderte sie nicht, später in den Befreiungskriegen eine Vaterlandsliebe und einen Enthusiasmus zu entwickeln, die in Beispielen großer Tapferkeit während des Krieges sich ebenso äußerte, wie in Werken der Humanität und Wohltätigkeit im Frieden. An Barmherzigkeit und Nächstenliebe wetteiferten die jüdischen Frauen mit allen übrigen und taten in Krankenpflege und Wartung der Soldaten sich rühmlich hervor. Aus diesen Jahren bewahrte meine Mutter die Abschrift eines Briefes, den mein Vater aus Hamburg mitgebracht hatte, wo er mit der hochangesehenen Firma Warburg Verbindungen angeknüpft. Es schien, als sollte unmittelbar nach den Befreiungskriegen ein großer geschäftlicher Aufschwung eintreten. Die Finanziers atmeten auf und bekamen Lust zu neuen Unternehmungen und seit im Frühjahr 1814 die Subsidienzahlungen Englands den Geldtransaktionen auf allen Weltmärkten große Chancen boten, regte sich der Geschäftsgeist allenthalben, und der Kauf und Verkauf von Wechseln auf London und deutsche Börsen bildete das Hauptgeschäft meines Vaters. In solcher Angelegenheit kam er damals nach Hamburg und bei den ebenfalls ganz glaubenstreuen, vornehmen Marburgs war von jenem Briefe die Rede, den der Staatskanzler Freiherr von Hardenbergs schon am 4. Januar 1814 an den Grafen von Grothe in Hamburg geschrieben hatte und der folgenden Inhalts war: „Die Geschichte unseres letzten Krieges wider