Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 8 (1905)
- Article
- Naemi Ehrenfest
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 187 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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187 etwas Fremdes war, noch nicht allzuhäufig anzutreffen waren. Daß man es also als Genugtuung empfand, zu ihnen zu gehören und in diesem Kreise sich gewissermaßen zu enffalten, 'muß begreiflich erscheinen. Und da zu diesen Vorzügen sich noch ein mildtätiger Sinn gesellte, so ist es natürlich, daß dieser Zusammengehörigkeit in meiner Familie eine große Bedeutung beigelegt wurde. Ich las später noch mit großem Interesse, was Ludwig Börne, bei dessen Geburt, wie ich schon erwähnte, mein Vater und meine Mutter sich zum ersten Male sahen, und der den alten Rothschild noch kannte, über ihn schrieb und ich will es zur Erinnerung an den Mann, der meinem Vater Gutes erwiesen, hierher setzen: „Der alte Rothschild war ein frommer Mann, die Frömmigkeit und Gutherzigkeit selbst. Er war ein mildtätiges Gesicht mit einem spitzigen Bärtchen, auf dem Kopfe ein dreieckig gehörnter Hut und die Kleidung mehr als bescheiden, fast ärmlich. So ging er in Frankfurt herum und beständig umgab ihn, wie ein Hofstaat, ein Haufen armer Leute, denen er Almosen erteilte oder mit gutem Rat zusprach. Wenn man auf der Straße eine Reihe von Bettlern antraf, mit getrösteten oder vergnügten Mienen, so wußte man, daß hier eben der alte N Rothschild seinen Durchzug gehalten hatte. Als ich noch ein kleines Bübchen war und eines Freitags Abend mit meinem Vater durch die Judengasse ging, begegneten wir den alten Rothschild, welcher eben aus der Synagoge kam; ich erinnere mich, daß er, nachdem er mit meinem Vater gesprochen, auch mir einige liebreiche Worte sagte, und daß er endlich die Hand auf meinen Kopf legte, um mich zu segnen ..." Solche Aeußerungen imponierten mir sehr und es erfüllte mich mit einem gewissen Stolz, daß mein Vater das Vertrauen eines Mannes genoß, über den Ludwig Börne so vortreffliches aussagte. Auch meine Mutter erzählte mir über Rothschilds Wohltätigkeitssinn mancherlei, so, daß es in der Gemeinde bekannt war, daß er mitunter im Abenddunkel durch die Judengasse ging, jedem ärmlich Aussehenden, der ihm begegnete, einige Geldstücke in die Hand drückte und dann eilig davon lief. Ach, und wie viele ärmlich Aussehende mag es damals in der Judengasse in Frankfurt gegeben haben?